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Heid: In der Tradition des Bildungswesens bis in die Hochschule
hinein wird nominelles Wissen gelehrt. Man lernt Definitionen. Das kann
man bis in ein Staatsexamen der Universität feststellen, es werden
Definitionen gelernt, z.B., was man unter Begabung versteht. Man bekommt
eine wunderschöne Definition und kann spüren, dass das, was
man unter Begabung wirklich versteht, nicht begriffen worden ist. Möglicherweise
nichts davon begriffen worden ist. Wenn ich das auf die schulische Praxis
runterrechne, muss ich befürchten, dass ganz bestimmte Informationen
gelernt werden, ohne sie wirklich verstanden zu haben.
...
...diese größere Freiheit, das günstigere Lernklima, das
sind doch Dinge, die in Finnland besonders auffallen. ...
Wir haben in Deutschland eine Pflichtorientierung, eine Pflichtethik auch
in unserer Pädagogik und in unserer Bildungspraxis, die etwas tut,
was ich für außerordentlich verhängnisvoll halte, und
was übrigens auch in der Reaktion auf Pisa ganz stark passiert, nämlich
dass etwas auseinander genommen wird, was zusammen gehört, beispielsweise
Leistung und Spaß. ...
Meine ganz feste Überzeugung ist - die Bestätigung für
diese geht übrigens bis in die biologische, neurobiologische Forschung
hinein - dass die Begeisterung, der Spaß, die Faszination von einem
Gegenstand unglaublich wichtig für erfolgreiches Lernen ist. Und
dass es nichts Ehrlicheres, nichts Redlicheres an Freude und an Spaß
gibt, wie das Erlebnis des Erfolgs bei der Bewältigung einer anspruchsvollen
Aufgabe. Auch ein Schüler merkt, wenn er nicht gefordert wird. Das
ist seicht, das gibt keine echte Freude. Und ich denke, wer Spaßpädagogik,
Kuschelpädagogik gegen Leistung ausspielt, macht einen so sensationellen
Fehler, dass wir da wirklich mit allen Kräften auch professionell
dagegen angehen müssen.
...
Von ganz großer gesellschaftlicher praktischer Bedeutung ist, dass
es nicht nur Leute gibt, die den Kopf voll Wissen haben, sondern die mit
diesem Wissen auch arbeiten können. Aber nicht in einer kritiklosen,
naiven Unterwerfung unter Verwendungsgesichtspunkte, denn diese Orientierung
von Wissen und von Wissenschaft nur nach dem Gesichtspunkt, was davon
brauchbar ist, halte ich für eine schlimme Verengung.
...
Ich denke, es ist richtig, dass wir ein Kerncurriculum brauchen, das allgemein
verbindlich ist, und wir müssen darüber nachdenken, das mit
der Möglichkeit zu balancieren, intelligente Möglichkeiten für
den Wissenserwerb entstehen. Ich will es an einem Beispiel verdeutlichen:
Lernbeeinträchtigte, Lernschwierige sind auf Gebieten tüchtig,
die im Bildungssystem gering bewertet werden, gering geschätzt werden.
Sie werden in dem, was sie können, total unterbewertet, unterschätzt
und in dem, was sie nicht können, nämlich, was in der Schule
hoch bewertet wird, werden sie sozusagen unterbewertet. Der Misserfolg
wird dadurch erzeugt, dass das nicht geleistet wird,...
...
Die Amerikaner sprechen sogar von angeborenen Bedürfnissen nach Kompetenz.
Das Autonomiebedürfnis ist von hoher Relevanz auch jetzt gerade in
Bezug auf Pisa.Eines der Punkte ist ja auch, wodurch möglicherweise
das Abschneiden der Deutschen etwas ungünstiger ist, die Neigung,
den Unterricht effektiv zu machen, ein Pensum zu bewältigen, möglichst
stromlinienförmig zu einer idealen Lösung zu finden. Die Möglichkeit,
das Bedürfnis zu respektieren, ein elementares menschliches Bedürfnis
nach Autonomie, danach, dass man es selbst schafft, dass man selbst an
der Definition des Problems mitwirkt, dass man es sozusagen nachvollzieht,
die Aufgabe in gewisser Weise versteht oder bei der Zurichtung der Aufgabe
im Hinblick auf ein Lernproblem aktiv mitwirkt, ist nicht gegeben. Diese
Selbstständigkeit ist die Überschrift über dieses ganze
Kapitel, die Fähigkeit, selbst zu organisieren, die Problemlösung
selbst zu organisieren. Ich denke, das wird vielleicht im deutschen Bildungswesen
auch etwas unterschätzt. ...Das ist keine neue Entdeckung, sondern
doch Allgemeingut in der Motivationspsychologie, dass es ein ganz elementares,
sogar angeborenes Bedürfnis nach Autonomie gibt. ... Warum kann man
nicht von den Bedürfnissen der Menschen ausgehen, was ihnen wichtig
in einer Schule ist, wie sie sie gerne hätten, wie sie Schule gestalten,
und warum gibt man ihnen immer wieder das Gefühl, sie seien Objekte
von Regulierung und Belehrung und nicht Subjekte von Gestaltung im Lernen
und in der Schule?
Mandl: Es bleibt sehr viel von dem Wissen, was wir erwerben, träge,
und kommt nicht zur Anwendung. Wie müssen Lernumgebungen gestalten,
damit wir ein Wissen erwerben, das wir auch anwenden können. Es ist
ein Anlass jetzt für die Schule, sich darauf einzustellen und den
Unterricht so zu gestalten, dass man den Anforderungen, die diese Aufgaben
fordern, gerecht wird.
...
...die drei Fächer werden durchgejagt und die Persönlichkeitsentwicklung,
die viel entscheidender ist, vernachlässigt.
Glück-Levi: Ich denke, Kinder, das ist meine Erfahrung und
es ist auch das, was man liest, haben zunächst Freude am Wissen.
Das heißt, irgendwann werden sie im Laufe ihrer Schulzeit umgepolt.
Das ist ... was wir sozusagen wieder verändern müssen.
Aus einer Gesprächsrunde
zum Thema „Bildung in Not – Strategien für eine neue Lernkultur.“
von Alpha-Forum Wissenschaft, dem Bildungskanal des Bayrischen Rundfunks
Heinz Mandl ist Professor für Empirische Pädagogik und Pädagogische
Psychologie, Dr. phil., Dipl.-Psych.
Helmut Heid ist Univ. Professor für Pädagogik der Universität
Regensburg; Dipl.-Hdl., Dr. rer.pol.
Literatur
- Daniel Goeudevert: Der Horizonz hat Flügel. Die Zukunft der
Bildung
- Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen: Wie Kinder
die Welt entdecken können
- Clifford Stoll: LogOut ("Schafft die Schulpflicht ab")
- Petra Gerster, Christian Nürnberger: Der Erziehungsnotstand.
Wie wir die Zukunft unserer Kinder retten
- Howard Gardner: Der ungeschulte Kopf. Wie Kinder denken
- Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen
- Marga Bayerwaltes: Große Pause. Nachdenken über Schule
(erscheint Ende Februar 2002)
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