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Deutschland ist stolz darauf, dass Preußen zu den allerersten Ländern gehörte, die am 28. September 1717 die allgemeine Schulpflicht in Preußen einführten. Bei Strafe war den Eltern befohlen, ihre Kinder vom 5. bis 12. (ab 1754 bis zum 14.) Lebensjahr in die Schule zu lassen, damit sie lesen, schreiben und rechnen lernen konnten. Das Lehramt galt als Nebenbeschäftigung, vor allem mussten die Lehrer, meist entlassene Soldaten, für ihren Lebensunterhalt sorgen - durch Schnapsausschank beispielsweise. Noch 1779 sah sich Friedrich II. veranlasst, darauf hinzuweisen, dass Lehrer lesen, schreiben und rechnen können sollten. Viel mehr konnte er nicht tun, denn die Schulen standen (bis 1926) unter der Aufsicht der Kirche, und der Gutsherr als Patron sah im Zweifelsfall die Kinder seines Dorfes meist lieber auf dem Acker oder im Stall als beim ABC. Die schulfreien Zeiten richteten sich nach den landwirtschaftlichen Erfordernissen, so heißen die Herbstferien noch heute in manchen Gegenden „Kartoffelferien“, weil die Kinder dann zum Auflesen der Kartoffeln gebraucht wurden. Grundrecht auf Bildung Die Einführung der Schulpflicht diente damals in einem ländlich strukturierten, feudalistischen System dazu, das Recht der Kinder auf ein Mindestmaß an Bildung auch dort zu gewährleisten, wo uneinsichtige, ungebildete Eltern und vor allem Gutsherren kein Interesse daran hatten und die Kleinen lieber ausschließlich zur Arbeit einsetzten. Selbstverständlich wurde in Fällen, wo die Eltern selbst des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig waren oder ihren Sprösslingen sogar weitergehende Fähigkeiten vermitteln konnten, nicht der Besuch einer solchen Schule erzwungen, so dass Teile des Bildungsbürgertums ihre Kinder weiterhin selbst unterrichteten. Die Brüder Grimm, Humboldt und ein Goethe oder Hölderlin erwarben sich ihre Bildung zuhause, auch Mozart ging nicht zur Schule, und Schulversager Albert Einstein hätte vermutlich nie das Abitur geschafft, wenn seine Mutter ihn nicht kurz entschlossen in der Schweiz selbst auf die Prüfungen vorbereitet hätte. Die allgemeine Schulpflicht diente dazu, durch ihr Angebot das Recht auf ein Mindestmaß an Bildung für alle sicherzustellen. Ihr Zweck war es nicht, die Nutzung dieses staatlichen Angebotes zu erzwingen, wo es bessere Möglichkeiten gab. Privatschulen Nachdem 1926 das Schulwesen aus der Vormundschaft der Kirche entlassen war, blühten an vielen Orten private Schulen auf. Rudolf Steiner, Maria Montessori, Freinet und zahlreiche andere Reformpädagogen entwickelten neue Schulformen, daneben wurden Kinder mit besonderen Bedürfnissen – ob hoch- bzw. spezialbegabt, entwicklungsverzögert, besonders sensibel oder von zarter Gesundheit – immer auch zuhause durch ihre Eltern oder Privatlehrer unterrichtet. Reichschulgesetz Diese Bildungsvielfalt fand im 3. Reich ein jähes Ende. 1938 wurden mit dem Reichsschulgesetz nicht nur sämtliche Privatschulen geschlossen, sondern auch die freie Bildung zuhause kategorisch verboten. Sinn dieser Maßnahmen war natürlich die ideologische Gleichschaltung aller Kinder, der sich niemand durch den Rückzug in individuelle Nischen entziehen sollte. DDR: Die demokratische Einheitsschule Nach dem Krieg versuchte die Legislative, zwei einander widerstreitende Notwendigkeiten zu vereinbaren: Einerseits sollte eine monopolistische Gleichschaltung und Ideologisierung der Jugend ausgeschlossen, andererseits die Erziehung demokratisch gesinnter Bürger sichergestellt werden. Diese Aufgabe wurde im Osten Deutschlands durch das „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“ zu lösen versucht. Hier heißt es: „Die deutsche Schule war ... nie eine Stätte wirklich demokratischer Erziehung der Jugend zu verantwortungsbewussten und selbstbewussten freien Bürgern. Sie war eine Standesschule. Für die Söhne und Töchter des einfachen Volkes waren die Tore der höheren Schule und der Hochschule in der Regel verschlossen, weil nicht die Fähigkeiten der Kinder, sondern die Vermögenslage der Eltern über deren Bildungsgang bestimmen.
Der Aufbau eines neuen friedlichen demokratischen Deutschlands – der einzige Weg zur nationalen Wiedergeburt und Einheit unserer Heimat – erfordert eine grundlegende Demokratisierung der deutschen Schule. Die neue demokratische Schule muss frei sein von allen Elementen des Militarismus, des Imperialismus, der Völkerverhetzung und des Rassenhasses. Sie muss so aufgebaut sein, dass sie allen Jugendlichen, Mädchen und Jungen, Stadt- und Landkindern, ohne Unterschied des Vermögens ihrer Eltern das gleiche Recht auf Bildung und seine Verwirklichung entsprechend ihren Anlagen und Fähigkeiten garantiert. .... § 2, Schulträger und Schulform Die schulische Erziehung der Jugend ist ausschließlich Angelegenheit des Staates. Der Religionsunterricht ist Angelegenheit der Religionsgemeinschaften; das Nähere wird durch Ausführungsbestimmungen geregelt. Die Form des öffentlichen Erziehungswesens ist ein für Jungen und Mädchen gleiches, organisch gegliedertes, demokratisches Schulsystem – die demokratische Einheitsschule.“[i]
Der nationalsozialistischen Gleichschaltung folgte hier also die zwangsweise Einheitsdemokratisierung. Das grundsätzliche Problem dieser Lösung (auch abgesehen von ihrer Umsetzung im real existierenden DDR-Sozialismus) liegt auf der Hand: Wie kann ein System, das keine Wahlmöglichkeiten zulässt, zur Demokratie erziehen? Ist eine zwangsweise Demokratisierung überhaupt möglich? Eins, zwei, drei! Humorvoll bringt Billy Wilders berühmter Film „Eins, zwei drei!“ dieses Problem auf den Punkt: Der amerikanische Coca-Cola-Geschäftsführer in Berlin regt sich darüber auf, dass die Mitarbeiter jedes Mal aufspringen und ihn militärisch-zackig begrüßen, wenn er den Raum betritt. Sein deutscher Assistent Schlemmer erklärt ihm, dass er ja früher das Sitzenbleiben hätte befehlen können, aber jetzt in der Demokratie „machen die Leute, was sie wollen. Und sie wollen aufstehen!“ BRD: Schutz der Familie In der jungen Bundesrepublik ging man einen anderen Weg: Neben einer Rückbesinnung auf christlich-abendländische Werte wurde erstens der Schutz der Familie ins Zentrum gestellt und zweitens, wie auch beim Polizeiwesen, das Heil in einer Föderalisierung der Strukturen und Machtbefugnisse gesucht: Bildungshoheit der Länder. Der Vorrang der Familie wurde im Grundgesetz ebenso verankert wie die staatliche „Aufsicht über das Schulwesen“. Auch das Nazi-Verbot für Privatschulen wurde wieder aufgehoben, allerdings sehr restriktiv und mit extrem strengen Kontrollen. Die Möglichkeit der freien Bildung zuhause findet weder im Grundgesetz noch sonst irgendwo Erwähnung. Eigentlich erstaunlich, denn der erste Bundeskanzler der jungen Demokratie, Konrad Adenauer, hatte sich ebenso zu Hause gebildet (1896 Abitur als „Externer“) wie der vielgeehrte Widerstandskämpfer und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer und seine Geschwister, die alle in der Grundschulzeit von ihrer Mutter unterrichtet wurden. Heute gibt die fehlende Erwähnung den Familien in Deutschland, die ihre Kinder zuhause lernen lassen möchten, Mut zum Kämpfen, denn immerhin ist die Bildung zuhause nicht verboten, es heißt lediglich, dem Staat obliege die Aufsicht über das Schulwesen. Nicht mehr selber kochen? Aber was bedeutet das? Dass öffentliche Einrichtungen beaufsichtigt und reglementiert werden müssen, ist klar; so hat der Staat auch genaue Vorschriften für die Nahrungszubereitung in öffentlichen Beköstigungsbetrieben erlassen, ob staatlich (Kantinen, Schulspeisung) oder privat (Gaststätten). Daraus abzuleiten, man dürfe nicht mehr selbst zuhause kochen, sondern sich nur noch „öffentlich“ (mit Anwesenheitszwang und Zensuren für gutes Essen!) sättigen, weil nur so eine gleiche Ernährungsqualität für alle gewährleistet und das Grundrecht auf angemessene Nahrung gewährleistet sei, erscheint aber (hoffentlich!) trotzdem den meisten unter uns als unverhältnismäßiger Eingriff in die persönliche Freiheit. Auch gelten in Krankenhäusern detaillierte Hygienebestimmungen, trotzdem dürfen wir, jedenfalls derzeit, unsere Kinder (und uns selbst) auch zuhause ins Bett legen und wieder gesund pflegen. Die alten Demokratien und Skandinavien In den anderen Ländern rund um Deutschland und weltweit hat indessen eine ganz andere Entwicklung des Bildungssystems stattgefunden. Länder mit einer langen demokratischen Tradition wie England, Irland und Kanada boten schon immer ganz selbstverständlich das Recht auf freie Wahl der Bildungsform. Von dem Recht, die eigenen Kinder selbst zu unterrichten, wurde und wird in diesen Ländern in dem Maße zunehmend Gebrauch gemacht, wie Informationen, Lehrmittel und Wissen immer mehr jedem einzelnen problemlos zur Verfügung stehen. Neben den öffentlichen Bibliotheken, Tageszeitungen und der Vielzahl an Zeitschriften hat hier natürlich das Internet eine weitere rasante Revolutionierung und einen raschen Anstieg der Home Education, der freien Bildung zuhause, gebracht. In den USA setzte in den siebziger Jahren, initiiert von Reformpädagogen wie John Holt[ii], Pat Farenga[iii], Pat Montgomery[iv], Grace Llewellynn[v] die interessanterweise oft selbst Lehrer (gewesen) waren, ein Kampf um das Recht auf Home Education ein. Inzwischen ist Bildung ohne Schulbesuch in allen Staaten der USA erlaubt. In Skandinavien setzten sich Anfang der neunziger Jahre Eltern für ihr Recht ein, ihren Kinder selbstbestimmte Bildung zu ermöglichen. Nach einigen Musterprozessen ist inzwischen Home Education in ganz Skandinavien offiziell erlaubt. Bildungsfreiheit in Osteuropa Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es auch hier Bemühungen, das gleichgeschaltete Schulwesen durch Vielfalt zu beleben. In Russland erhalten Eltern heute sogar finanzielle Aufwandsentschädigungen wie in Kanada, in Tschechien wurde nach einem Pilotversuch ab 1999 die Bildung zuhause 2005 in den Kanon der Möglichkeiten aufgenommen. Derzeit versuchen europaweit nur noch Deutschland, Slowakei, Rumänien und Bulgarien, Kinder gewaltsam zum Schulbesuch zu zwingen, allerdings sind die Regelungen in den anderen Ländern sehr unterschiedlich und reichen von völliger, von der Verfassung garantierter Freiheit (Irland) bis hin zu rigiden Bedingungen und Einschränkungen (so wird von Eltern im Schweizer Kanton Zürich neuerdings eine dreijährige pädagogische Ausbildung verlangt.) Was ist „Homeschooling“? Aber was ist diese „Home Education“, Bildung zuhause, überhaupt, und warum ist sie manchen Familien so wichtig, dass sie Bußgelder, Zwangsgelder, Erzwingungshaft in Kauf nehmen, Sorgerechtsentzug riskieren und letztlich in gar nicht so geringer Zahl sogar Deutschland verlassen?[vi] Diese Frage lässt sich nicht einheitlich beantworten, denn die reale Umsetzung der Bildung zuhause ist so vielfältig, wie die Art zu kochen in jeder Familie anders ist. Zwei Hauptpole sind derzeit zu beobachten und viele Mischformen: Manche Familien führen am Küchentisch jahrgangsübergreifenden Unterricht in Kleinstklassen durch, benutzen Schulbücher, feste Zeiten und Methoden wie in der Schule (was immer das heißt, denn auch da gibt es ja keine Einheitlichkeit). Die Ergebnisse sind exzellent und liegen weit über dem Schul-Durchschnitt. « Unschooling » - Informelles Lernen Andere verlassen sich mehr auf ihre Intuition und das Wissen über „informelles Lernen“, das Gehirnforscher, Entwicklungspsychologen und sonstige Experten seit Jahrzehnten zur Verfügung stellen. Die Essenz ihrer Forschungsergebnisse lässt sich sehr schlicht zusammenfassen: Kinder folgen in ihrer Entwicklung einem inneren Plan, sie wollen lernen, genauso wie sie laufen, sprechen und Fahrrad fahren lernen wollen. Man muss sie dazu genauso wenig zwingen wie zum Essen, sondern ihnen nur eine reichhaltige, vernünftige Auswahl an Möglichkeiten und Unterstützung bieten. Dann erfolgt das Lernen ohne jeden Druck und Zwang, allerdings in einer Reihenfolge und auf Wegen, die eher selten dem im Lehrplan vorgesehenen Ablauf folgen, sondern gleichsam nebenbei. Wer jemals ein Kind dabei beobachtet hat, wie es (ohne Stundenplan, Hausaufgaben und Zensuren) Stehen oder Sprechen lernte, kennt diesen Prozess. Unser Leben ist Lernen[vii] Kinder, die so ihrem innersten Interesse folgen dürfen, haben alles, was sie lernen, jederzeit zur Benutzung verfügbar und können es im Leben selbst anwenden. Denn sie haben es auch im Leben selbst gelernt. Solche Kindern verstehen, wie Lesen geht, weil sie endlich all die Geschichten im Regal zugänglich haben wollen, auch wenn die Eltern keine Zeit zum Vorlesen haben. Sie verstehen, wie Prozentrechnung geht, weil sie ihren Kunden für Selbstgemachtes einen Abonenntenrabatt anbieten wollen, sie eignen sich Integralrechnung an, weil sie die Pläne für ein Modellflugzeug abändern möchten. Sie lernen schreiben, indem sie einen Wunschzettel für ihren Geburtstag zusammenstellen, Kontakt mit einem geliebten Onkel aufnehmen oder an die Bundeskanzlerin schreiben wollen. Sie merken sich die Hauptstädte aller europäischen Länder, weil sie mit ihrem kleinen Bruder das Quiz von „Wer wird Millionär?“ nachspielen, und die Hauptstädte aller Länder weltweit anlässlich der Fußballweltmeisterschaft. Sie erfahren Interessantes über Geschichte, Geografie, Biologie und Chemie aus Gesprächen am Mittagstisch, indem sie im Brockhaus oder bei Wikipedia nachlesen oder mit Google-Earth spielen. Sie erwerben sich PC-Kenntnisse, um mit Freunden und Verwandten zu mailen oder alles über Shakira herauszufinden. Sie lernen sich durchzusetzen, indem sie beim Einkaufen das Wechselgeld prüfen und sich trauen, auf Fehler hinzuweisen, sie lernen sich einzufügen und Rücksicht zu nehmen, während sie sich im Fußballverein, beim Schachspielen, imYu-gi-oh-Fanclub mit jüngeren, gleichaltrigen und älteren Kindern auseinandersetzen. Sie lernen Englisch, weil sie die Beatles-Texte verstehen und Harry Potter-Filme mit der Originalstimme von Daniel Radcliffe genießen wollen, und Spanisch wegen Shakira... 80% Warterei? Und weil sie nicht wie in der Schule bis zu 80% ihrer Zeit mit Austeilen, Einsammeln, Kontrollieren, Wiederholen, Störungen und den darauf folgenden Disziplinierungsmaßnahmen, Anstehen, kurz gesagt: mit Warten, Warten, Warten verbringen, haben sie neben all dem auch noch viele Stunden Zeit, um sich voll und ganz dem hinzugeben, was in der Entwicklungspsychologie „emergentes Spielen“ heißt: das völlig konzentrierte, ganz im Hier und Jetzt versunkene Erschaffen eigener Spielwelten allein oder zu mehreren, im Sandkasten, mit Stöckchen und Steinen oder Kapla-Bauklötzen, Lego, Playmobil, Tüchern, Decken oder einfach so. Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern Das Lernen zuhause funktioniert also, wie sämtliche Studien international zeigen, wunderbar, und zwar interessanterweise unabhängig vom Bildungsstandard der Eltern! So zeigten zu Hause lernende Kindern aus der britischen „Unterschicht“ bessere Lernleistungen als Schulkinder aus der Mittelschicht, das heißt, das gerade in Deutschland extreme Problem des „ererbten Bildungs-Misserfolgs“ wird hier endlich überwunden.[viii] Warum wollen die deutschen Behörden freie Bildung zuhause dann nicht zulassen und bekämpfen es so erbittert? Die wichtigsten Irrtümer Hier liegen drei Missverständnisse vor: 1) Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, mit dem Schulzwang verhindern zu können, dass Kinder wie Jessica in Hamburg einfach zu Hause verhungern. 2) Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, dass Kinder die Sozialisierung in Schulklassen brauchen, um Sozialkompetenz und mündiges Staatsbürgertum zu erwerben. 3) Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben, dass freies Lernen zu Hause die Entstehung von undemokratischen Parallelgesellschaften begünstigt.
Diese drei Punkte sind die ständig wiederkehrende Grundlage der Argumentation und tauchen auch in dem Medien immer wieder auf. Dazu ist folgendes zu sagen: Kindesmisshandlung 1) Kindesmisshandlung: Die Eltern, die ihre Kinder verhungern lassen, sie quälen oder sonstwie an der freien Entfaltung und am Erwerb von Bildung hindern, sind nicht dieselben, die einen Antrag auf „Homeschooling“ stellen. Solche Eltern kämpfen nämlich nicht um Genehmigungen und Rechte, sondern behalten ihre Kinder einfach zuhause, öffnen den Mitarbeitern des Jugendamtes nicht und sind durch Bußgelder nicht zu treffen, weil sie meist sowieso von Sozialhilfe leben. Schätzungsweise 5-10% aller Kinder, in manchen Stadtteilen noch viel mehr, sind notorische Schulschwänzer ganz ohne Antrag und Genehmigung, ein weltweit rasant zunehmendes Problem des sozialen Zerfalls, das mit Homeschooling nicht das Geringste und mit dem Verlust der Kind-Eltern-Bindung sehr viel zu tun hat.[ix] Wegen dieses Problems alle Eltern unter Generalverdacht zu stellen und hochqualifizierte Lehrkräfte als soziale Feuermelder zu benutzen, ist ein teurer, sinnloser, entwürdigender Holzweg. Sozialisierung in der Schule – aber wie? 2) Sozialisierung in Schulklassen: Die zunehmende Verrohung der sozialen Umgangsformen in der Schule und die Zunahme der Gewalt ist ein seit längerem international diskutiertes Problem. Kinder lernen nämlich offenbar, wie zahllose Studien[x] belegen, in der Schule vor allem, das Recht des Stärkeren auszuüben oder zu akzeptieren. Die Sozialkompetenz von zu Hause lernenden Kindern ist deutlich höher, was sich auch auf das Erwachsenenalter auswirkt: Junge Erwachsene mit Homschool-Bildung machen mehr von ihrem Wahlrecht Gebrauch, sind viel öfter gesellschaftlich und ehrenamtlich engagiert, zeigen ein stabileres Selbstbewusstsein und eine weitaus größere Zufriedenheit mit ihrem Leben insgesamt.[xi] Die Ursache hierfür liegt wiederum darin, dass Erwachsene heute nicht mehr so als Vorbilder präsent sind und die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen im Zuge der rasanten Änderung unserer Arbeitsbedingungen sehr stark voneinander abgeschottet wurden.[xii] Freies Lernen für freie Bürger 3) Abgesehen davon, dass die Realität in all den Ländern, wo freie Bildung erlaubt ist, ein sogar überdurchschnittlich großes kultur- und staatstragendes Engagement ehemaliger Homeschooler zeigt, werden hier auch wichtige Grundrechte verletzt: Sowohl im Grundgesetz als auch in der von Deutschland ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention ist das Recht und die „ihnen zuvörderst obliegende“ Pflicht der Eltern zur Erziehung und Bildung ihrer Kinder festgeschrieben[xiii], in der UN-Kinderrechtskonvention auch noch ihr Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit „unter Achtung der Rechte und Pflichten der Eltern..., das Kind bei der Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten.“[xiv] Der Zwang zur Leitkultur Damit sind wir wieder bei Billy Wilders Film „Eins, zwei drei!“ Können Kinder am besten lernen, mündige, eigenverantwortliche, demokratische Bürger zu werden, indem ihnen zunächst einmal zwölf Jahre lang das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt wird zugunsten einer Schule, die ihnen (neuerdings zunehmend ganztags) detailliert vorschreibt, wo, was ,wann, wie viel und wie sie lernen müssen? Wird eine Integration der kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt in Deutschland wirklich gefördert durch den Zwang zur Übernahme einer vorgegebenen, von Beamten in zähen kultusministeriellen Prozessen ständig verspätet der Lebenswirklichkeit angepassten „deutschen Leitkultur“ ? Würde es unsere Demokratie nicht anziehender machen, wenn sie über die Erfüllung des Grundrechts auf Bildung wacht, ohne eine methodische und weltanschauliche Uniformität zu erzwingen, die unsere Kinder in keiner Weise auf die schwierigen Probleme unseres Planeten, die sie werden lösen müssen, vorbereitet? Warum gibt es Lehrer? Letzte Frage: Wenn dies alles so ist, warum gibt es dann überhaupt Schulen und Lehrer, und warum ist deren Ausbildung so lang und ihre Arbeit so anstrengend? Auch hier liegt ein Missverständnis vor: Schulen und Lehrer muss es auch weiterhin geben. Zum einen natürlich, weil derzeit nur wenige Eltern bereit und willens oder in der Lage sind, ihre Lebensgestaltung und Berufstätigkeit so auf das Leben mit ihren Kindern zuzuschneiden, dass diese zu Hause lernen können. Auch in den Ländern, wo freie Bildung erlaubt ist und sogar finanziell unterstützt wird, liegt die Zahl der zuhause lernenden Kinder unter 5%, allerdings steigt sie derzeit rasant. Auch wollen viele Kinder das gar nicht – es gibt nämlich durchaus Kinder, die gern zur Schule gehen! Und die Tätigkeit von Lehrern ist nicht deshalb so komplex, weil die Lerninhalte so schwierig sind. Sondern im Gegensatz zum freien, in den Alltag eingebetteten Lernen mit einzelnen Kindern zuhause ist es eine hohe Kunst, dreißig völlig unterschiedliche Kinder, die sich gerade für mindestens 30 verschiedene Dinge interessieren, gleichzeitig in einem fest vorgegebenen Zeitrahmen gezielt für einen fest vorgegebenen Inhalt so zu interessieren und zu begeistern, dass die meisten von ihnen tatsächlich einen Gewinn daraus ziehen. Was Lehrer hier leisten, kann nicht genug gewürdigt werden. Eine vergrößerte Bildungsfreiheit in Deutschland würde auch ihnen mehr Freiraum im Umgang mit den Lerninteressen der Kinder geben und ihre Position gegenüber der derzeit nahezu allmächtigen Bildungsbehörde stärken – Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, und ein Staatsmonopol war noch nie Garant für Qualität! [i] „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“ [Mai/Juni 1946]. Es galt in der sowjetisch besetzten Zone, und in der späteren DDR. [ii] Autor vieler Bücher, die teilweise auf Deutsch vorliegen, z.B. „Aus schlauen Kindern werden Schüler“, „Wie Kinder lernen“ usw. Seine entscheidenden Schriften zum Thema Freies Lernen und Kinderrechte liegen jedoch bisher nicht auf Deutsch vor, z.B. „Teach your own“, Escape from Childhood“ und andere. Begründer der ersten US-Zeitschrift für frei Bildung „Growing without Schooling“. [iii] Nachfolger des 1985 verstorbenen John Holt und Leiter der Holt Association, die Bücher und Lernmaterialien für frei lernende Kinder herausbringt. [iv] Gründerin der Clonlara School (ohne kollektiven Lehrplan und Anwesenheitspflicht), die inzwischen weltweit frei lernende Kinder begleitet und betreut. [v] Autorin des Bestsellers „The Teenage Liberation Handbook“, das 2007 auf Deutsch erscheinen soll (Genius Verlag). [vi] Eine Zusammenfassung der derzeitigen Situation, viele hilfreiche Links und Kontakt zu aktiven Eltern finden sich z.B. unter www.netzwerk-bildungsfreiheit.de, www.alternative-learning.org . [vii] Keller, Olivier: Denn mein Leben ist Lernen : Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen. Weitere Buchtipps unter http://www.leben-ohne-schule.de/buecher.html [viii] Studie von Paula Rothermel, http://www.jspr.btinternet.co.uk/PaulaRothermel.htm, deutsche Kurzfassung unter http://www.bvnl.de/texte.html?cat=cat_4129513b48db2 . [ix] Eine ausführliche Darstellung dieses Problems und seiner Lösung findet sich in dem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“ von Gordon Neufeld und Gabor Maté, Genius 2006. [x] Eine Auflistung solcher Studien findet sich in dem unter 9 genannten Buch oder im Internet. [xi] Darstellung einer Studie, die 5000 US-Jugendliche 15 Jahre lang begleitete, unter: www.homeschooling.de oder www.leben-ohne-schule.de (deutsche Kurzfassung) oder www.hslda.org (englisch) [xii] Näheres und vor allem Wege aus dieser katastrophalen Entwicklung zeigt ebenfalls das unter 9 genannte Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“ auf, das derzeit in 14 Sprachen übersetzt wird. (Originaltitel: Hold on to your kids). Autor Gordon Neufeld bietet regelmäßig auch in Deutschland Vorträge und Seminare zu diesem Thema an, Info unter www.prokindseminare.de. [xiii] Grundgesetz Art. 6 (Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.), UN-Kinderrechtskonvention Art. 18 [xiv] UN-Kinderrechtskonvention Artikel 14.
veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin Dagmar Neubronner |