SCHULE MACHT KRANK

dpa am 05.07.2004

Freiburg (dpa) - Lehren und Lernen ist nach einer Studie der Universität Freiburg an vielen Schulen unmöglich. Destruktives Schülerverhalten und große Klassen hätten sich für Lehrer zu einer erstrangigen gesundheitlichen Belastung entwickelt.

In der übergroßen Mehrheit leisten Lehrer Schwerstarbeit im Klassenzimmer. Das sagte Professor Joachim Bauer von der Klinik für Psychosomatische Medizin Freiburg. Seine Untersuchung ergab, dass 35 Prozent der Pädagogen ausgebrannt und ein Fünftel behandlungsbedürftig sind. Lehrer seien vormittags bis zu sechs
Stunden einer pausenlosen Belastung ausgesetzt, habe eine Untersuchung an zehn südbadischen Gymnasien gezeigt.

Gründe für die Burnout-Konstellation seien hohe Verausgabung, Erschöpfung und Resignation. Ein Fünftel der 438 untersuchten Lehrer sei durch Stress schwer beeinträchtigt und medizinisch behandlungsbedürftig. Lehrerinnen (43 Prozent) wiesen einen höheren Burnout-Anteil als Lehrer (27 Prozent) auf, Geschiedene (55 Prozent) einen höheren Anteil als Singles (45 Prozent) oder in Partnerschaft lebende Pädagogen (30 Prozent). Das Dienstalter habe dagegen keinen Einfluss:
«Entsprechend Disponierte geraten bereits früh in ihrem Berufsleben in eine berufliche Verschleißsituation.»

Als Reaktion auf die schlechten PISA-Ergebnisse der deutschen Schüler seien nicht neue Bildungsstandards notwendig, sondern die Verbesserung der innerschulischen Beziehungsgestaltung. «Das Problem der Schule liegt nicht im Fehlen von Standards, sondern in der Unmöglichkeit, im Unterricht eine Situation herzustellen, die Lernen möglich macht und begünstigt», urteilte der Mediziner.

Anders als in Industrie und Verwaltung sei der Arbeitsprozess der Schule, also Lehren und Lernen, vollständig eingebettet in zwischenmenschliche Beziehungsabläufe. «Human-Dienstleistungsberufe wie der des Lehrers unterliegen einem besonderen gesundheitlichen Risiko», sagte Bauer. Schulische Beziehungen zwischen Lehrern untereinander, Lehrern und Schülern und Eltern und Lehrern seien zu einem Stressfaktor geworden. Zudem böten die Pausen keine Rückzugsmöglichkeiten mehr. Viele Lehrer könnten auch zu Hause nicht mehr zwischen Arbeit und Privatem trennen.

Nach Ansicht des Forschers muss vor allem die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern verbessert werden. Angesichts einer verheerenden Lage bei der Schülergesundheit und des wachsenden Anteils verhaltensgestörter Schüler müssten die Lehrer dafür qualifiziert werden, mit diesen schwierigen psychologischen Situationen umzugehen.

In der übergroßen Mehrheit seien Lehrer keine faulen Säcke, sondern Schwerstarbeiter im Klassenzimmer, urteilte der Mediziner. Nahezu zwei Drittel (63 Prozent) der untersuchten Lehrer zeige eine sehr hohe oder hohe
Verausgabungsbereitschaft, berichtete Bauer. Als besonders belastend empfanden die Lehrer große Klassen, das Schülerverhalten, die Stundenzahl, die Koordinierung beruflichen und privater Verpflichtungen sowie
außerunterrichtliche Pflichten.

Bauer bezeichnete zugleich die Schülergesundheit als Besorgnis erregend. Er verwies auf die Jugendgesundheitsstudie Stuttgart, bei der 51 Prozent von 2000 untersuchten Kindern unter anhaltenden psychosomatischen Beschwerden litten. Bei einer Studie in Aachen zeigten mehr als 15 Prozent von 500 Kindern
psychiatrische Auffälligkeiten. «Eltern wissen nur teilweise über die Beschwerden und Probleme ihrer Kinder Bescheid, da bei einem Teil der Kinder keine ausreichende Betreuung im häuslichen Umfeld stattfindet», stellte der
Mediziner fest.

Quelle: dpa