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Ideen zur Veränderung von Schule und Lehrerverhalten
Pinguine haben auch „Schulen“, aber noch nie hat man gehört,
dass es Streit über ihre Erziehung gibt, obwohl sie von jungen, noch
nicht lebenserfahrenen Tieren, die gerade nicht am Brutgeschäft beteiligt
sind, geführt werden.
Über menschliche Schulen gibt es zur Zeit sehr viel Streit, vor
allem in Deutschland. Ihre Schüler sind schwierig, denn sie haben
sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert, weil die herkömmliche
Arbeitsteilung zwischen der Familie, die erzieht, und der Schule, die
bildet, nicht mehr so gut funktioniert, jedenfalls bei der Mehrzahl der
Kinder.
Obwohl Schulen in Deutschland allerorten anders strukturiert sind, ist
dennoch nirgendwo jedermann zufrieden: 43 Prozent der deutschen Schüler
kritisieren ihre Lehrer. 85 Prozent der brandenburgischen Lehrer sind
nach einer Studie der Universität Potsdam angeblich psychisch krank.
Eltern erwarten von Schulen höchst Gegensätzliches und flüchten
zugleich massenhaft vom staatlichen Schulwesen in Richtung Privatschulen.
Die Handwerkskammern beklagen in halbjährlichen Pressekonferenzen
die schwachen Lese-, Schreib- und Rechenkünste der Schulabgänger.
Die Großindustrie vermisst bei ihren Bewerbern Schlüsselqualifikationen
wie Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Erkundungskompetenz und
Konfliktfähigkeit. Der Bundesbildungsminister mahnt bei den Schulen
mehr Kreativität und Innovationskraft, die Reduktion der Stoffvermittlung
und Beihilfe beim Umbau von der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft
an. Bildungsforscher wollen die autonome Schule statt der bürokratisch
von Ministerien gesteuerten. Die Lehrerverbände bedauern ihre ausgebrannten
Mitglieder, die mit zu hoher Wochenstundenverpflichtung zu große
Klassen unterrichten. Schließlich beklagen die Lehrer selbst sich
darüber, dass sie unzulänglich aus- und fortgebildet sind und
dass sie einen zeitgemäßen Unterrichts wegen des Mangels an
Computern in den Klassenräumen nicht bewerkstelligen können.
Und selbst die politischen Parteien und sogar der Bundespräsident
verweisen immer häufiger auf den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort
Deutschland, der international nicht mehr wettbewerbsfähig bleiben
kann, wenn sich nicht seine Schulen deutlich verändern.
Schule wird also zur Zeit von allen unter die Lupe genommen, selbst von
Boston aus, in dem eine Kommission unter Mithilfe des Max-Planck-Instituts
für Bildungsforschung in Berlin diagnostiziert hat, dass die deutschen
Mittelstufen- und Oberstufenschüler in Mathematik und in den Naturwissenschaften
unter vergleichbaren Staaten nur noch unteres Mittelmaß sind.
Neuerdings gibt es sogar Schüler, die wie die in Hamburg auf die
Straße gehen und fordern: „Wir wollen mehr lernen“,
nachdem man bis vor kurzem noch dachte, Kinder und Jugendliche würden
sich über jede ausgefallene Schulstunde nur freuen. Die Lehrer können
dem Betrachter dieser bildungspolitischen Turbulenzen, die täglich
neu von der Finanznot des Staates und seinen stringenten Sparmaßnahmen
genährt werden, eigentlich nur leid tun. Sie sitzen zwischen allen
Stühlen, nämlich zwischen ihrer früheren Ausbildung für
Kinder, die es heute gar nicht mehr gibt, ihrem eigenen Älterwerden
(„Vergreisung der Lehrerkollegien“) und ihrem Ausgebranntsein
(„Burnout-Syndrom“), ihrer unzeitgemäßen Arbeitsplatzgestaltung
und den veralteten Lehrplänen, der Fülle von höchst unterschiedlichen
Eltern-, Schüler- und Politikererwartungen nebst Arbeitszeit- und
Frequenzerhöhungen sowie Kürzungen von Mitteln für Gebäude
und Unterrichtsmaterialien.
Gerade die Geschichte der deutschen Pädagogik bietet eine Fülle
von begnadeten Lehrern, von konzeptionellen und methodischen Highlights
und von wunderbaren Erfolgen gegenüber einzelnen Schülerbiographien.
Aber dennoch erinnert die aktuelle Lehrersituation gelegentlich an einen
Schiffbrüchigen, der in tosender See auf einem Floß sitzt und
mit Hilfe einer leeren Apfelsinenkiste um ihn herum schwimmenden Delfinen
beizubringen versucht, wie ein Computer funktioniert.
Mit dem Wandel der bisherigen Industriegesellschaft zu einer Wissens-,
Dienstleistungs-, Erlebnis-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft im
nächsten Jahrhundert, mit der Globalisierung von Wirtschaftsräumen,
von politischen Entscheidungen und von wissenschaftlichen Entwicklungen,
vor allem aber mit der totalen weltweiten Medienvernetzung ist zu fragen,
ob Schulen und Lehrer noch beweglich genug sind, ob eine planwirtschaftlich
gesteuerte, staatlich verwaltete und zentral organisierte Schule mit anhand
von Prüfungsordnungen ausgebildeten Lehrern und mit ideologischen
Akzentuierungen begünstigenden Strukturen, in denen Eltern nur begrenzt
mitentscheiden dürfen und in denen Schüler mehr belehrt werden,
als selbst lernen zu können, in denen Lehrer mehr verbeamtete Stundengeber
als mit jungen Menschen zusammenlebende Lernberater sind, noch für
eine Zukunft taugt, auf die hin aufgeklärte Menschen uns rüsten
wollen.
Muss Schule nicht ein moderner „Dienstleistungsbereich für
pädagogische Arbeit“ werden, wie der Bielefelder Bildungsforscher
Klaus Hurrelmann verlangt? Muss sie ihre herkömmliche weisungsorientierte
Verwaltungshierarchie, die den jeweiligen Machthabern im Rahmen von „Kulturhoheit“
Zugriff, Kontrolle und auch die Freiheiten einer persönlichen Spielwiese
garantiert, nicht ablösen durch autonomere Gestaltungsmechanismen,
die eine lebendige Organisation und ein für Lernen produktives Schulleben
erlauben?
Das Schulwesen in Deutschland ist eine gigantische Unternehmung; von
den rund 80 Millionen Einwohnern besuchen etwa zehn Millionen als Schüler
allgemeinbildende Schulen, in denen sie von ungefähr 650 000 Lehrern
in eigens dazu gebauten Schulen unterrichtet werden. Das kostet sehr viel
Geld, und entsprechend umfangreich ist die Literatur, die sich mit Schule
befasst. Im Grunde ist alles, was es in der Pädagogik zu sagen gibt,
schon gesagt worden. Sinnvoll sind weitere Bücher zu pädagogischen
Fragen nur, wenn darin neue Sichtweisen alter Fragestellungen zu anderen
Antworten als den schon bekannten führen.
Wir Deutschen sind ängstlicher als andere Völker, wenn es um
Neuerungen geht; ein Gespräch über die Schulpflicht oder über
Sinn und Unsinn der Ziffernzensuren macht sofort Angst und führt
zu Feindseligkeiten. In Gesprächen mit Pädagogen aus unseren
Nachbarstaaten Niederlande und Dänemark ist immer wieder zu hören,
wie wir - aus deren Sicht - eine eigenartig sinnlose Neigung haben, auch
die Schule und was mit ihr zusammenhängt, „in den Griff“
zu bekommen; und sie fügen hinzu, dass Schulen nichts seien, was
man „in den Griff“ bekommen könne.
Nur wer allwöchentlich einmal am Schulsorgentelefon sitzt, hat eine
Vorstellung davon, wie unterschiedlich Schulen in Deutschland sind, und
zwar weniger in Bezug auf gut und schlecht, sondern vielmehr in bezug
auf anders. Da wird zwar oft gesagt, es gäbe ein Süd-Nord-Leistungsgefälle,
verschwiegen wird jedoch in der Regel, dass Schüler und Eltern in
Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg durchweg einen erheblichen
größeren Leidensdruck auszuhalten haben als Schüler in
Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen. In Süddeutschland wird zwar
mehr Wissen vermittelt, aber in Norddeutschland ist die Schulzufriedenheit
etwas größer und das soziale Lernen spielt eine bedeutsamere
Rolle.
Das Grundgesetz garantiert den 16 Bundesländern mit dem Begriff
Kulturhoheit, dass sie in Sachen Schule jeweils ihre eigenen Vorstellungen
umsetzen können. 16 Bundesländer haben daher 16 verschiedene
Schulsysteme. Positiv ist daran, dass sie regionale Antworten auf nachbarschaftliche
Besonderheiten berücksichtigen dürfen, so dass Französisch
als Erste Fremdsprache im Saarland und in Rheinland-Pfalz eine größere
Bedeutung hat als Englisch, dass Dänisch und Friesisch in Schleswig-Holstein,
Niederdeutsch und Romanes (die Sprache der deutschen Sinti und Roma) in
Hamburg und Sorbisch in Sachsen angeboten werden, dass sich Brandenburg,
das ja um Berlin herum liegt, ebenso wie die Hauptstadt für die sechsjährige
Grundschule entschieden hat und dass Thüringen und Sachsen so, wie
es in der DDR war, das Abitur nach Klasse 12 bescheinigen. Negativ ist
aber, dass die Kulturhoheit auch der parteipolitischen Ideologisierung
Tür und Tor öffnet, dass Schulsystemgestaltung zur Waffe gegen
jeweils andere Regierungskonstellationen herhalten muss und gelegentlich
auch zur Spielwiese für Kultusminister und Schulsenatoren verkommen
ist.
Die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) unterliegt jedoch
einem gewissen Einigungszwang, wenn es um die Anerkennung von Abschlüssen,
um den Umzug von Familien innerhalb Deutschlands, um Kernfächer bis
zum Abitur und um Mindeststundenzahlen für diese Kernfächer
auf dem Weg in die Hochschulen geht, ganz zu schweigen von einem durch
die Europäische Union ausgeübten Umsetzungsdruck, wenn es beispielsweise
um die Erweiterung des Fremdsprachenunterrichts geht. So ist 1998 in Brüssel
beschlossen worden, künftig mit der Ersten Fremdsprache zumindest
in der 1. Klasse zu beginnen.
Die Kultusministerkonferenz kompensiert also das Fehlen eines Bundesschulministers,
sie übt seine koordinierende Funktion aus, und das konnte sie leichter,
als nur elf Bundesländer zu ihr gehörten. Mit 16 Bundesländern
musste sie zwangsläufig immobiler werden, so dass sie von einigen
Zeitgenossen geradezu als Bremsklotz für die Modernisierung des deutschen
Schulwesens empfunden wird. Es kommt noch folgendes hinzu: Bürokratie
und Innovation sind zwei gegenläufig wirkende Prinzipien; die staatliche
Verwaltung von Schulen bremst ihre zeitgemäße Anpassung, denn
Verwaltung impliziert Abstimmungsprozesse, die Langsamkeit zum Wesensmerkmal
geraten lassen.
Kein Wunder ist also, dass im April 1997 der damalige Bundeskanzler
Helmut Kohl sagen konnte: „Die reaktionärste Einrichtung der
Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz; im Vergleich dazu ist
der Vatikan noch weltoffen.“ Und als die Kultusministerkonferenz
im Februar 1998 ihren 50. Geburtstag feierte, kamen von der ganz anderen
Seite ebenfalls hämische Glückwünsche. Die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) schickte eine Grußadresse mit folgendem
Text: „Wir gratulieren im Namen von 50 000 Straßenkindern,
250 000 Sitzenbleibern, 76 000 Jugendlichen ohne Schulabschluß und
523 000 arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren.“
Dennoch gilt: Das 20. Jahrhundert war das bislang erfolgreichste in Sachen
Schulreformen, Lehrerpersönlichkeiten und Schulversuchen. Die beiden
Motoren Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts und 68-er Bewegung haben
für eine starke Grundschule, für Gesamtschulangebote, für
Schullandheime, für eine akademische Lehrerbildung, für eine
deutlich aufgebesserte Lehrerbesoldung, für Fächer wie Sport,
Musik, Kunst, Biologie, Physik, Chemie, Informatik und Politik bzw. Gemeinschaftskunde,
für Werkräume, Küchen und naturwissenschaftliche Experimentierräume,
für Gesamt-, Epochen- und Projektunterricht, für Offenen Unterricht
und die Integration von Behinderten, für Betriebspraktika und für
eine Erweiterung des alternativen Schulangebots mit Landerziehungsheimen,
Waldorfschulen, Freien Schulen, Montessorischulen, Produktionsschulen,
Schulen mit doppelqualifizierendem Bildungsgang und vielem anderen mehr
gesorgt.
Etliches, was personen- oder zeitabhängig erfolgreich war, ist
wieder verschwunden (z.B. der Gesamtunterricht), anderes ist rückläufig,
und wieder anderes lebt aktuell erneut auf wie die Einrichtung von „Jahrgangsübergreifenden
Klassen“ nach dem Vorbild von Peter Petersens Jenaplanschulen. Insgesamt
muss am Ende dieses Jahrhunderts resümiert werden: Schule zeigt über
alle Zeiten hinweg eine starke Tendenz zurück in Richtung Buch-,
Tafel- und Belehrungsschule, in der Fächer in Stundentakten unterrichtet
werden und in denen Schüler vor allem zuhörend oder sich langweilend
sitzen, in denen Wissen überwiegend verbal nach dem Vorbild des „Nürnberger
Trichters“ vermittelt, später wieder abgefragt und dann per
Noten bewertet wird. Und Lehrer, die, wenn der Schulrat kommt, ausgesprochen
kreativ und engagiert zu sein vermögen, die durchaus zu einem methodischen
Feuerwerk voller Handlungsorientierung und Spannung fähig sind, neigen
in großer Zahl zumindest nach Jahren ihrer Berufstätigkeit
immer wieder zur Routine, zur Minimalisierung von Aufwand und Lerninvestition.
Erfolgreiche Reformen sind eben immer personengebunden und zeitlich begrenzt
erfolgreich, sie lassen sich nicht ohne weiteres auf sämtliche Lehrer
und auf Jahrzehnte übertragen, wenn es an Kraft, Lust und auch an
Geld fehlt.
So ist für die gesamte Schulgeschichte typisch, dass es in relativ
kurzen Abständen immer wieder eines Ruckes oder eines Trittes bedarf,
damit es so etwas wie einen Innovations- oder auch nur einen Engagementschub
gibt. Nach Kriegen und in Armutsphasen und in gebeutelten Regionen und
Nachbarschaften lässt sich so etwas beobachten. Leider muss stets
erst die Not besonders groß werden, wie der Schweizer Zukunftsforscher
Gottlieb Guntern feststellt, damit sich flächendeckend einiges in
Schulen vorübergehend verbessert, damit schon jetzt vor Ort bewährte
moderne Unterrichtsweisen „serienreif“ werden, wie Dieter
Wunder sagt, also auf eine größere Anzahl von Schulen und Lehrern
übertragbar werden.
Im Moment scheint wieder so ein notvoller Zeitpunkt erreicht zu sein:
- Unsere Schulen gelten als unzeitgemäß, Reformen sind dringend
erforderlich, aber viele Lehrer sind reformmüde.
- Schulgebäude, massenhaft in den 50er und
60er Jahren gebaut, sind oft marode, sie zeigen das, was die Verwaltungsbeamten
einen „Renovierungsstau“ nennen.
- Lehrer sind im Schnitt so alt wie schon
lange nicht mehr, sie sind ausgebrannt und durch schwierige Kinder überfordert.
Nach Auskunft des bayerischen Schulpsychologen Hermann Meidinger sind
80 Prozent aller Pädagogen heute vom „Burn-out-Syndrom“
(Stress, Verunsicherung, Schweißausbrüche, Zittern, Schlaflosikgkeit,
Ängste) betroffen. Sie haben kaum Selbstvertrauen, sind überempfindlich
und glauben, von den Schülern für „böse“
gehalten zu werden.
- Bei vielen Schülern ist der familiäre Versorgungs- und Erziehungsanteil
zusammengebrochen, sie werden als verhaltensgestört, lernschwierig,
gewalttätig, süchtig oder krank beschrieben.
- Dem Staat mangelt es an Geld für
Lehrerstellen, sinnvolle Lerngruppengrößen, Schulbau sowie
Lehr- und Lernmittelausstattung.
- Die Abnehmer von Schule, also die Betriebe und Hochschulen, klagen
über unzureichende Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen
Menschen, so dass einige Universitätsrektoren bereits eine Aufnahmeprüfung
als „Abitur plus“ verlangen.
- Politiker sehen den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland
im internationalen Wettbewerb gefährdet.
- Eltern schimpfen auf Kultusminister, Schulen und Lehrer, weil sie
meinen, ihre Kinder würden zu wenig oder das Falsche lernen und
würden in ihren Besonderheiten nicht genügend gefördert
oder ungerecht beurteilt. Einige wollen inzwischen sogar vor Gericht
einklagen, dass ihnen Steuergeld wegen entgangenen Unterrichts zurückgezahlt
wird.
- Schüler schimpfen über unengagierte Lehrer, über veraltete
Schulbücher und über langweiligen, weltfremden Unterricht
und neuerdings auch mit dem Slogan „Wir wollen mehr lernen“
über Unterrichtsausfall.
- Immer mehr Lehrer klagen über Angriffe von Schülern, aber
auch über Intrigen von Kollegen. Mittlerweile gibt es sogar schon
eine „Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing (BLM)“.
- Zugleich klagen immer häufiger Schüler über „pöbelnde
Pauker“, von denen sie beleidigt oder niedergemacht, ausgegrenzt
oder diskriminiert werden.
- Unterrichtsausfall ist zu einer der bedeutendsten Dimensionen von
Schule geworden. Die Eltern könnten gar nicht so schnell mitrechnen,
wie der Mangel verwaltet wird, beklagt eine Hamburger Mutter; und eine
Elternvertretung des Hamburger Gymnasiums Lerchenfeld erhält in
der Schulbehörde die Antwort: „Der Lehrerbedarf orientiert
sich an der Haushaltslage“, also nicht an den Schülerzahlen.
- Sparen ist zur wichtigsten Gestaltungsdimension des aktuellen deutschen
Schulwesens geworden. Natürlich hätten die Kultusminister
gern mehr Geld für Lehrerstellen, für kleinere Klassen, für
Schulbau, Sachmittel und Computerausstattung, aber sie bekommen es nicht
von ihren Kabinetten und Parlamenten, auch weil der Bürger als
Wähler so etwas nicht massiv fordert. Bei Umfragen vor Wahlen rangieren
die Themen Schule und Jugend stets nur auf abgeschlagenen Plätzen
hinter Sicherheit, Wohnen, Straßenverkehr, Arbeit und Kriminalität,
obwohl gleichzeitig eine Umfrage der Elternvertreter Hamburger Schulen
im Jahre 1998 ergeben hat, dass 85 Prozent der Hamburger Bürger
der Meinung sind, dass im Bildungsbereich auf keinen Fall gespart werden
dürfe. Nach Einschätzung des Bundesbildungsministeriums wird
die Schülerzahl in Deutschland in den nächsten Jahren um etwa
eine Million zunehmen. Aber vielleicht ist die Not ja noch nicht groß
genug, damit endlich etwas passiert!
- Die Schülerzahlen steigen bundesweit (1998 gab es 175 000 Schüler
mehr als 1997) aber zugleich werden Lehrerplanstellen gestrichen; die
GEW hat ein Defizit von 45.000 Planstellen berechnet; 1998 sind aber
nur 15.500 neue Lehrer eingestellt worden, während gleichzeitig
40.000 Junglehrer arbeitslos blieben.
An allen Enden von Schule zugleich müsste nämlich etwas geschehen:
- Schüler brauchen heute ganz anderes Gestühl (beweglich,
verstellbar, sechs verschiedene Stuhlgrößen), da beispielsweise
14jährige in ihrer Körperlänge innerhalb einer durchschnittlichen
Klasse um bis zu 60 cm differieren.
- Wir brauchen eine völlig andere Lehrerbildung, damit auch andere
Menschen mit anderen Kompetenzen in den Lehrerberuf kommen.
- Wir brauchen den Umbau der Schulen von Belehrungsanstalten zu Lernwerkstätten,
damit Kinder mehr lernen.
- Wir brauchen den Wandel des Lehrers vom Stundengeber zum Lernberater.
- Schüler müssen leistungsfähiger werden, aber auch anderes
leisten können als bisher; sie müssen selbständig, teamfähig,
konfliktfähig, erkundungskompetent, handlungsfähig und kreativ
werden und vernetzt, also in Zusammenhängen denken können.
- Lehrer sollten als Lernberater etwas von Erziehung, Bewegung, Spiel,
Gewalt- und Suchtprävention, von Hirnforschung und Lernpsycholgie
sowie von Teilleistungsstörungen verstehen, sie müssen integrieren
und individuell kompensieren können.
- Schulen brauchen eine andere Fehlerkultur, denn Kinder lernen am besten,
wenn sie beim Lernen Fehler machen dürfen, wenn sie zu zweit ein
Problem zu lösen haben, wenn sie anderen etwas erklären dürfen
und wenn sie beim Handeln lernen können.
- Grundschulen brauchen mehr männliche Lehrer, Klassen brauchen
zwei Klassenlehrer und zwei Räume.
- Lehrer müssen durch Computer, Internet und über eine geeignete
Lernsoftware freigesetzt werden für sozialpädagogische Zuwendung
und für Elternarbeit.
- Eltern und Schüler sollten an der Schulgestaltung beteiligt werden,
sie müssen in autonomeren Schulen mehr Mitsprache haben.
- Schulen brauchen mehr Lehrer, Schulassistenten, Sozialpädagogen,
Familienhelfer, Präventionslehrer, Sonderpädagogen, Schulpsychologen,
Beratungslehrer, Lehrbeauftragte und ABM-Kräfte.
- Fächer müssen zu Lernbereichen gebündelt werden; 45-Minuten-Takte
sollten durch flexible Lern- und Entspannungsphasen abgelöst werden;
Klassenlehrer sind ergiebiger als Fachlehrer.
- Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium
ist nicht mehr zeitgemäß, es muss im Kern durch ein zweigliedriges,
das entweder früher in die Berufsausbildung mündet (Sekundarschule)
oder später zur Hochschulreife führt (Gymnasium) abgelöst
werden und zugleich durch ein vielgliedrig profiliertes System ersetzt
werden, weil zur Vielfalt unserer pluralistischen demokratischen Gesellschaft
eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen, aber gleichwertigen
Bildungsgängen passt. Dazu gehören beispielsweise Musikschulen,
Sportgymnasien, Technische Gymnasien, Computerschulen, altsprachliche,
neusprachliche, naturwissenschaftliche, doppelqualifizierende und internationale
Schulen, Schulen mit erweitertem Fremdsprachenunterricht (Z- oder E-Klassen),
mit Expreß-Abi-Klassen (Berlin) oder D-Zug-Klassen (Hessen, Rheinland-Pfalz,
Baden-Württemberg), mit Montessori-, Freinet- oder Waldorfpädagogik,
Konfessionsschulen, Produktionsschulen und Schulen mit einer Profil-Oberstufe.
Deutschland und Europa unterliegen zur Zeit einem raschen Strukturwandel.
Viele Unternehmen melden sich schon mit der Aussage zu Wort, dass sie
trotz hoher Arbeitslosigkeit und auch Jugendarbeitslosigkeit nicht mehr
in der Lage sind, ihre offenen Stellen zu besetzen, weil die Menschen
von der Schule her nicht die erforderlichen Qualifikationen mitbringen,
und dabei werden vor allem Defizite in bezug auf die Fähigkeit zur
selbständigen Informationsbeschaffung, auf Kreativität, Konfliktfähigkeit
sowie auf die Fähigkeit zum vernetzenden Denken beklagt.
Wir müssen mit einer zeitgemäßen Schule den Seiltanz
hinbekommen, den Schülern ein Fundamentum an Grundwissen zur Verfügung
zu stellen und in ihnen darüber hinaus die Kompetenz zu entwicklen,
sich jeweils nötige Informationen selbst in Kürze zu beschaffen;
sie sollten zwar noch wissen, wie die Hauptstädte von Italien und
Ägypten heißen, aber wie die Hauptstädte von Sierra Leone
oder Burkina Faso heißen, müssen sie nicht mehr unbedingt in
der Schule lernen, denn dieses Wissen benötigen sie null bis einmal
in ihrem gesamten Leben, und dafür reicht die Fähigkeit, das
in Sekundenschnelle zu ermitteln, wenn es erforderlich wird.
Schule hat die Aufgabe, die Welt im Kopf und im Herzen des Kindes zu
ordnen und das Kind für die Welt lebenstüchtig zu machen. Und
wenn das so ist, dann muss sie dem Kind in der heutigen und künftigen
Welt Reden, Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachenkompetenzen und einige
naturwissenschaftliche, historische und geographische Kenntnisse beibringen.
Darüber hinaus muss sie das Kind politisch bilden, es sozialfähig
machen und in ihm Medienkompetenz aufbauen, weil die Fähigkeit, sich
kundig in der Arbeitswelt orientieren und kritisch in der Medienwelt behaupten
zu können, mittlerweile bedeutsamer geworden ist, als Redoxgleichungen
zu beherrschen und die linken und rechten Nebenflüsse der Donau hersagen
zu können. „Je virtueller die Welt wird, desto mehr Werturteile
müssen gefällt werden“, sagt Rüttgers dazu.
In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 360 Berufsbilder, aber 50 Prozent
aller Schulabgänger drängen in nur 15 Ausbildungsberufe, weil
ihnen die anderen unbekannt sind. Allein im August 1998 sind elf neue
Ausbildungsberufe entstanden, die fast kein Schüler kennt, so der
Kaufmann für audiovisuelle Medien oder die Fachkraft für Veranstaltungstechnik.
In den nächsten Jahren werden etwa 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze
in den Berufsfeldern Multimedia, Umwelt, Biotechnik und wissensorientierte
Dienstleistungen entstehen. Bereitet die Schule auf diesen Umbruch an
der Jahrhundertwende, den manche als den Übergang von der bisherigen
Industriegesellschaft zur künftigen Informations-, Dienstleistungs-,
Erlebnis-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft bezeichnen, ausreichend
vor? Immer weniger Menschen werden immer mehr produzieren. Wenn nicht
wachsende Arbeitslosenzahlen die Folge sein sollen, müssen junge
Menschen schon früh in die Lage versetzt werden, sich selbst eine
Nische in der künftigen Gesellschaft bauen zu können, in der
sie gebraucht werden, in der sie ihren Lebensunterhalt verdienen können
und in der sie ihre Erfüllung finden.
Wir brauchen also eine ganz neue Vision von Schule und eine völlig
neue Arbeitsplatzbeschreibung für Lehrer. Denn es ist ein Unding,
dass deutsche Eltern zur Zeit 30 Millionen Mark pro Woche für Nachhilfeunterricht
aufwenden, das sind im Schnitt 50 Mark pro Haushalt und fast zwei Milliarden
Mark pro Jahr. Nachhilfelehrer leisten etwas, was die Lehrer an den Schulen
nicht zustande gebracht haben, sie stehen also indirekt für das Versagen
der deutschen Schule, wiewohl man gleichzeitig einschränkend zugeben
muss, dass viele Jungen und Mädchen nur deshalb Nachhilfe bekommen,
weil so etwas mittlerweile als schick gilt, weil es vor den Augen der
Nachbarn und Verwandten auch kund tut, dass man bereit ist, in die Karriere
seines Kindes zu investieren, denn so manch ein von seinen Eltern in seine
Zukunft hinein verplanter Nachhilfeschüler bräuchte gar keinen
Nachhilfeunterricht, jedenfalls nicht, wenn er in Mathe von einer „1“
auf eine „2“ abgesackt ist.
Aufsehen hat der New Yorker Pädagoge Lewis J. Perelman mit seinem
Buch „School’s out“ erregt. Er behauptet schlichtweg,
Schule wäre eine wichtige Institution in einer relativ kurzen Phase
der Entwicklung der Menschheit gewesen, und nun sei ihre Zeit vorbei,
weil Kinder entweder ohnehin außerhalb der Schule mehr lernen als
in der Schule oder weil sie weder in der Schule noch außerhalb genügend
lernen würden bzw. weil die negativen Einflüsse von misslicher
Jugendkultszenerie in der Schule sowie von Bildschirmeinflüssen zusammen
das herkömmliche schulische Lernen allzu stark beeinträchtigen
würden.
Perelman schließt mit seinem Auswegsvorschlag irgendwie an Johann
Heinrich Pestalozzis Ideal vom Lernen im Wohnzimmer an, wenn er sich für
Tele-Lernen und Homeschooling einsetzt. So wie Pestalozzi mit seinem Buch
„Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ dafür plädiert,
dass Mama in die Lage versetzt wird, ihren Kleinen zu Hause Lesen, Schreiben,
Rechnen und Weben beizubringen, schlägt Perelman vor, dass die Schüler
daheim am Computer lernen und dabei mit einem irgendwo anders sitzenden
Lehrer verkabelt sind.
Und schon jetzt werden in den USA mehr als eine Million Kinder von ihren
Eltern zu Hause unterrichtet. Diese Eltern misstrauen den Public Schools,
haben aber auch nicht das Geld für die teuren Privatschulen; für
sie ist in der Tat die Zeit von Schule irgendwie vorbei. Sie befürchten,
dass ihr Kind Opfer von innerschulischer Gewalt werden könnte, sie
trauen den Lehrern nicht zu, genügend Lernfortschritte bei ihren
Kindern zustande zu bringen, und sie glauben, dass sie so etwas wie Werteerziehung
selbst besser hinbekommen als Lehrer. 61 Prozent dieser Eltern sind mit
den Lernleistungen der öffentlichen Schulen unzufrieden, und 39 Prozent
unterrichten ihre Kinder lieber selbst, weil sie ihre Sprösslinge
nicht den schulischen Gewalt-, Sex-, Drogenund Stressfaktoren aussetzen
mögen.
Das Entziehen von der Schulpflicht ist in allen US-Staaten legal, wenn
die Eltern nachweisen können, dass sie die Unterweisungen auch selbst
zu leisten vermögen. Eine Studie hat ergeben, dass Homeschooling-Schüler
im Lesen insgesamt besser waren als 79 Prozent der staatlichen Schüler
und in Mathematik und Fremdsprachen als 73 Prozent der Public-School-Kids.
Mit der Zunahme des gesellschaftlichen Arbeitsteilungs- und Qualifizierungsbedarfs
wurden einst die ersten Schulen gegründet. Sie entstanden für
dasjenige, was Eltern nicht hinlänglich konnten, und das waren am
unteren Ende Lesen, Schreiben und Rechnen und am oberen Ende Hebräisch,
Altgriechisch, Latein, Astronomie, Arithmetik, Geometrie usw. Heute können
die meisten Eltern Lesen, Schreiben und Rechnen, und viele verstehen auch
genügend von Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geographie und Geschichte.
Müsste Schule heute immer noch das tun, was Eltern nicht gut können,
dann müsste sie vor allem erziehen.
In Wirklichkeit ist das Ende der Schule heute an vielen Enden ihrer herkömmlichen
Funktionen erreicht:
- Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland können trotz Schulbesuchs
weder Lesen noch Schreiben.
- Nach Auskunft der Mainzer Klinik für Kommunikationsstörungen
ist bereits jedes vierte Kind im Vorschulalter sprachgestört, also
in Bezug auf seine Sprachentwicklung weit hinter seinen Altersgenossen
zurück.
- Die weltweite Tims-Studie des Boston-Colleges
bescheinigt den deutschen Schulen, dass sie bezogen auf Mathematik-Leistungen
von Achtklässlern nur einen unteren Mittelplatz erreichen, die
Zwölftklässler belegen in Höherer Mathematik sogar nur
den drittletzten Platz. 15 bis 20 Prozent der deutschen Schüler
gelten mittlerweile als rechenschwach, sechs Prozent als extrem rechenschwach.
Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, ist vor allem auf Bewegungsmangel,
auf Mangel an räumlichen Erfahrungen beim Spielen, auf den Mangel
an Umgang mit verschiedenen Materialien und auf die fehlende Kompensation
durch psychomotorische Übungen in Kindergärten und Schulen
zurückzuführen. Dyskalkulie korrespondiert mit einer Schwäche,
Links und Rechts unterscheiden zu können, und mit dem Phänomen,
nicht gut rückwärts gehen zu können. Rechenschwache Kinder
bleiben oft „zählende Rechner“, sie erkennen Mengen,
Größen und logische Folgen nicht, haben keine konkrete Vorstellung
von der Größe von Zahlen (100 oder 1000 sind einfach nur
viel), und sie sind oft wahrnehmungsgestört. Weil sie Entfernungen
und Geschwindigkeiten nicht richtig einschätzen können, verunfallen
sie leichter als andere.
- So wie Schule heute durchweg noch ist, baut sie auf die erzieherische
Grundversorgung des Kindes in der Familie. Nur die ist bei immer mehr
Kindern nicht mehr gegeben. Hungernde Kinder lernen schlecht, Ernährung
hat also etwas mit Erziehung und Lernen zu tun. Immer mehr Lehrer haben
diesen Zusammenhang erkannt, und sie beginnen daher den Unterrichtstag
mit einem „Schulfrühstück“ und beenden oder unterbrechen
ihn mit einem „Pädagogischen Mittagstisch“.
- Etwa 20 Prozent der deutschen Schüler gelten als hyperaktiv bzw.
als vom „hyperkinetischen Syndrom“ betroffen. Sie können
sich im Unterricht nicht mehr gut konzentrieren, sie stören ihre
Lehrer und Mitschüler als „Zappelphilippe“, und am
Ende fallen sie durch schlechte Noten, zumindest aber mit erheblichen
Teilleistungsschwächen auf, wenn sie nicht mit dem Medikament Ritalin
ruhiggestellt oder mit Verhaltenstherapien verändert werden.
- Mit der Zunahme des Phänomens veränderte Kinder, mit dem
Schwinden der häuslichen Erziehungskompetenz und der leiblichen
Grundversorgung gegenüber immer mehr Kindern vergrößern
sich die Verhaltensund Leistungsbandbreiten schon in der Grundschule.
Es kommen immer mehr erzieherisch vernachlässigte und immer mehr
häuslich gut und früh geförderte Schüler zugleich
in die 1. Klassen, so dass die Lehrer mit herkömmlichen Unterrichtsmethoden
nur noch den Kindern in der Leistungsmitte einer Klasse einigermaßen
gerecht werden können. In dem Maße, wie immer Schüler
überfordert und gleichzeitig immer mehr Schüler unterfordert
werden, ist die bisherige Grundschule mit frontalen und lehrerzentrierten
Vorgehensweisen in der Tat am Ende, auch weil sie den Lehrer hoffnungslos
überfordert. Nur mit der Wandlung der Grundschule zur Lernwerkstatt
mit Offenem Unterricht, mit Partnerarbeit und Computern, mit Wochenplanarbeit
und mit vielen individualisierenden Materialien (Arbeitsblätter,
Lexika, Karteikartensysteme, Druckerei), mit der Wandlung des Lehrers
vom Stundengeber zum Lernberater in flexiblen Lernphasen statt der bisherigen
45-Minuten-Takte, nur mit einer anderen Fehlerkultur und mit Notenfreiheit,
mit gezielt gestalteten Lern-, Entlastungs-, Spiel-, Bewegungs- und
Ernährungsphasen nebst musischen Phasen, mit „Jahrgangsübergreifenden
Klassen“ (wie an der Peter-Petersen-Schule in Köln, die immer
zwei Jahrgänge in einen Raum setzt, so dass jeder Schüler
im Wechsel mal zu den jüngeren, mal zu den älteren gehört)
und mit dem in Schleswig-Holstein angedachten Prinzip „Einschulung
ohne Auslese“ (alle Sechsjährigen werden ohne Schulreifetest
eingeschult, ganz egal, wie weit sie in ihrer Entwicklung sind), kann
sie wieder einigermaßen funktionabel werden. Wir müssen wirklich
darüber nachdenken, ob es noch einen Sinn gibt, Schüler ausgerechnet
nach Geburtsjahrgängen zum Lernen zusammenzuschließen, denn
nirgendwo sonst wirkt das Leben so, sehen wir einmal von Getreidefeldern
ab, in denen jede Pflanze genauso alt ist wie die nächste.
- Hochbegabte Kinder versagen oft in der Schule.
Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage wie ein Widerspruch in sich.
Aber Kinder, die alles am Schulanfang schon können, was der Lehrer
von ihnen verlangt, langweilen sich oft, so dass sie zunächst schwierig
werden, dann stören, dann lästig werden und schließlich,
wenn sie von den Mitschülern in den nichtintelligenzabhängigen
Anforderungen (Ordnungsverhalten, sauber schreiben, Hefte mitbringen,
Unterschriften vorlegen, Ergebnisse unterstreichen) überholt werden,
in Form schlechter Berichts- oder Notenzeugnisse versagen. Weil die
Kräfte der Lehrer zu stark von den schwachen und durchschnittlichen
Schülern gebunden werden, vernachlässigen sie die früh-
und hochbegabten bzw. die schon intensiv von zu Hause her geförderten,
und wenn die dann schließlich mit Verhaltensstörungen stören,
versuchen Lehrer nicht selten, sich dieser Schüler zu entledigen.
Mittlerweile ist dieses Problem in den meisten Bundesländern erkannt
worden, so dass beispielsweise die Hamburger Schulbehörde eine
„Beratungsstelle für besondere Begabungen“ eingerichtet
hat, die solchen Kindern und ihren Eltern hilft. Franz J. Mönks
von der Universität Nijmwegen schätzt, dass zehn bis 15 Prozent
eines Schülerjahrgangs „Spitzen- und Hochbegabte“ sind
(Hochbegabte werden mit einem IQ ab 130 definiert). Das bedeutet, dass
in Deutschland pro Jahr etwa 70 000 bis 80 000 solcher Kinder eingeschult
werden, für die die herkömmliche Schule eigentlich nicht mehr
taugt. In Berlin hat man für sie „Expreß-Abi-Klassen“
zum Abitur nach Klasse 12 eingerichtet, die in Baden-Württemberg,
Hessen und Rheinland-Pfalz „D-Zug-Klassen“ heißen
und eine Aufnahmeprüfung nach Klasse 4 oder 6 voraussetzen. Aber
immer mehr Eltern wollen für ihren hochbegabten Nachwuchs keine
staatlichen Antworten mehr; sie lassen ihn durch eine der Außenstellen
des Nachhilfeunternehmens „Studienkreis“ fördern oder
samstags in speziellen Kursen für hochbegabte Schüler an Universitäten
(z.B. in Hamburg), oder sie melden ihr Kind zu einer der drei „Jugenddorf-Christophorusschulen“
für Hochbegabte des Christlichen Jugenddorfwerkes (CDJ) in Braunschweig,
Rostock und Königswinter, wenn sie nicht gar ganz auf Eliteinternate
und -schulen in Großbritannien, in der Schweiz und in den USA
ausweichen. Die Zahl der deutschen Privatschüler, die Schulen in
Großbritannien besuchen, hat sich jedenfalls in den letzten Jahren
versiebenfacht.
- Es gibt immer Schüler, die mehr lernen wollen oder anderes lernen
wollen, als die Schule ihnen bietet. So gingen in Hamburg jüngst
viele Schüler auf die Straße, um gegen Unterrichtsausfall
zu protestieren, so wählen junge Menschen Privatschulen, an denen
sie auch Japanisch, Chinesisch oder Betriebswirtschaft lernen können,
und so klagte ein Schüler in Berlin dagegen, dass er in der Oberstufe
zwangsweise mit Chemie beschult wurde, weil er meinte, die Schule würde
ihm so viel wichtige Lernzeit rauben, die er lieber für dasjenige
einsetzen würde, was er eigentlich lernen möchte. Als Folge
unserer meinungs- und wertepluralistischen Gesellschaft sind Elternerwartungen
und Schülerwünsche eben vielgestaltiger als in einem totalitären
System, und nur mit einer höchst bunten Schullandschaft und einer
Fülle von Schulprogrammen bzw. Schulprofilen nebeneinander vermag
der Staat allen Schülerpersönlichkeiten Rechnung zu tragen.
Warum soll es also nicht Ski-, Schwimm-, Tennis- und Fußballgymnasien
und Legasthenikerinternate geben, die auch zum Abitur führen?
- Auch wenn die Schule noch nicht am Ende sein sollte, muss sie offensichtlich
eine ganz andere werden. Dieses Anderssein darf aber nicht in nur eine
Richtung gehen, also beispielsweise nicht nur in Richtung „Schulen
ans Netz“. Das Althergebrachte muss ebenso weiter angeboten werden,
weil es genügend Schüler und Eltern gibt, die eine altsprachliche
bzw. eine humanistische Bildung wünschen oder eine Schule, die
bewusst nicht mehr erzieht als bisher, weil es mit der Erziehung im
Elternhaus noch gut klappt und weil der Artikel 6 des Grundgesetzes
den Eltern das Erziehungsrecht zugesteht. So lernt noch jeder 15. Schüler
in Hamburg Latein, und es gibt noch etwa 520 Schüler in der Hansestadt,
die Altgriechisch als Fach haben wollen. Aber für diejenigen Kinder,
die zu Hause keine stimmige Erziehung haben, muss Schule mehr Erziehungsanteile
als bisher übernehmen, weil es sonst mit dem Lernen nicht mehr
richtig klappt und weil die Schule im Moment die einzige gesellschaftliche
Institution ist, die noch sämtliche Kinder bewusst erzieherisch
zu erreichen vermag, was mehr als die Hälfte der deutschen Familien
nicht mehr schafft. Wir brauchen also in Zukunft bildende und erziehende
Schulen einerseits (das könnten die Gymnasien sein) und erziehende
und bildende Schulen andererseits (die könnten Sekundarschulen
heißen). Beide führen zum Sekundarabschluß I und zum
Abitur, die eine Gruppe vertraut dabei aber mehr auf die herkömmliche
Arbeitsteilung, mit der die Familie erzieht und die Schule bildet, während
die andere Gruppe Bildung in einen starken erzieherischen Rahmen einbettet,
damit auch Kinder aus erzieherisch nicht so kompetenten Familien genügend
lernen und ausreichend leistungsfähig für die gewandelten
gesellschaftlichen Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts
werden.
Zwar hat es noch nie Konsens über das gegeben, was Schule zu leisten
hat, aber noch nie scheint der Konsens so gering zu sein wie heute. Zwar
gibt es einen Konsens in bezug auf Lesen, Schreiben, Rechnen und Fremdsprachenunterricht
an sich, aber schon wenn es um den Unterrichtsumfang dafür und um
die Methode geht, gibt es Streit: Sollen die Grundlagen dieser Kulturtechniken
mit Fehlermachendürfen und notenfrei gelegt werden oder mit Zensuren?
Ist Lesenlernen durch Schreiben besser oder das Umgekehrte? Ist die synthetisch-analytische
Methode besser oder die Ganzwort- oder Ganzsatzmethode? Welchen Stellenwert
soll die Mengenlehre haben? Ist Überschlagen oder Schätzenkönnen
wichtiger, als die zweite Stelle hinter dem Komma, die einem ja heutzutage
ohnehin der Taschenrechner liefert, direkt berechnen zu können? Soll
der Mathematikunterricht bis zum Sinussatz vordringen oder nicht? In welchem
Alter soll der Fremdsprachenunterricht beginnen? Vielleicht wächst
mit dem Zusammenwachsen Europas demnächst der Konsensgrad in bezug
auf Schulgestaltung, sicher ist das aber nicht. Vielleicht wird die regionale
Schulautonomie gleichzeitig mit der europäisch-zentralen in Brüssel
gestärkt, so dass wir eine deutschlandweite Schulinstanz in Berlin
nicht benötigen.
Immerhin besteht ein gewisser Konsens darin, dass wir in Deutschland
keine japanischen Schulverhältnisse haben wollen, in denen die alte
Schule einfach bloß mit dem Lerngerät Computer fortgeschrieben
wird, statt mit ihm eine ganz andere Schule voller Bewegung, Kreativität
und Konfliktfähigkeit zu begünstigen. In Japan beginnt man schon
mit 15monatigen Kindern mit dem Lesen; und sobald die Kinder greifen können,
beginnt der Mathematikunterricht. In 200 der 18 000 Kumon-Schulen werden
40 600 Babys in Rechnen, Japanisch und Englisch unterrichtet, in 16 Tokioter
Vorschulen werden Einbis Sechsjährige akademisch, künstlerisch
und sportlich gedrillt, gesponsort von einem Windelhersteller. Der Leistungs-
und Karrieredruck ist im japanischen Schulwesen mörderisch, er korrespondiert
mit einem enormen Ehrgeiz der Eltern. Nur eines von 20 Kindern besteht
die Aufnahmeprüfungen der 50 renommiertesten Privatschulen des Landes,
und die Schülersuizidrate ist gemeinsam mit denen von Singapur und
Südkorea weltweit Spitze. Welche Schäden ein so aufgepeppeltes
Schulwesen mit ganz altem Denken schon bei Siebenjährigen anrichtet,
gibt eine Grundschullehrerin aus Tokio so wieder: „Die Mütter
lassen ihre Kinder Englisch büffeln und Klavier spielen, doch sie
ziehen sie an, binden ihnen die Schuhe zu, schälen ihnen das Obst
und schieben ihnen den Suppenlöffel in den Mund; aber in der Turnstunde
stürzen die meisten der Kinder, weil sie das Rennen und das Fallen
nie gelernt haben. Die Kinder melden sich nie, weil sie Angst haben, etwas
Falsches zu sagen, und wenn sie dann nach einer Aufforderung etwas Falsches
gesagt haben, weinen sie sofort.“ Kreativität und Konfliktfähigkeit
fehlt nämlich den meisten japanischen Kindern; vor lauter Angst vor
Fehlermachen haben sie beides nie entwickeln können. Prof. Dr. Peter
Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.
Im Carl Hanser Verlag, München, ist sein Buch „Vom Pauker zum
Coach“ erschienen.
Peter Struck: "Taugt die Schule des 20. Jahrhunderts noch für das
21. Jahrhundert?" Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler
an der Universität Hamburg. Im Carl Hanser Verlag, München,
ist sein Buch „Vom Pauker zum Coach“ erschienen.
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