Taugt die Schule des 20. Jahrhunderts noch für das 21. Jahrhundert?

Ideen zur Veränderung von Schule und Lehrerverhalten

Pinguine haben auch „Schulen“, aber noch nie hat man gehört, dass es Streit über ihre Erziehung gibt, obwohl sie von jungen, noch nicht lebenserfahrenen Tieren, die gerade nicht am Brutgeschäft beteiligt sind, geführt werden.

Über menschliche Schulen gibt es zur Zeit sehr viel Streit, vor allem in Deutschland. Ihre Schüler sind schwierig, denn sie haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert, weil die herkömmliche Arbeitsteilung zwischen der Familie, die erzieht, und der Schule, die bildet, nicht mehr so gut funktioniert, jedenfalls bei der Mehrzahl der Kinder.

Obwohl Schulen in Deutschland allerorten anders strukturiert sind, ist dennoch nirgendwo jedermann zufrieden: 43 Prozent der deutschen Schüler kritisieren ihre Lehrer. 85 Prozent der brandenburgischen Lehrer sind nach einer Studie der Universität Potsdam angeblich psychisch krank. Eltern erwarten von Schulen höchst Gegensätzliches und flüchten zugleich massenhaft vom staatlichen Schulwesen in Richtung Privatschulen. Die Handwerkskammern beklagen in halbjährlichen Pressekonferenzen die schwachen Lese-, Schreib- und Rechenkünste der Schulabgänger. Die Großindustrie vermisst bei ihren Bewerbern Schlüsselqualifikationen wie Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Erkundungskompetenz und Konfliktfähigkeit. Der Bundesbildungsminister mahnt bei den Schulen mehr Kreativität und Innovationskraft, die Reduktion der Stoffvermittlung und Beihilfe beim Umbau von der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft an. Bildungsforscher wollen die autonome Schule statt der bürokratisch von Ministerien gesteuerten. Die Lehrerverbände bedauern ihre ausgebrannten Mitglieder, die mit zu hoher Wochenstundenverpflichtung zu große Klassen unterrichten. Schließlich beklagen die Lehrer selbst sich darüber, dass sie unzulänglich aus- und fortgebildet sind und dass sie einen zeitgemäßen Unterrichts wegen des Mangels an Computern in den Klassenräumen nicht bewerkstelligen können. Und selbst die politischen Parteien und sogar der Bundespräsident verweisen immer häufiger auf den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland, der international nicht mehr wettbewerbsfähig bleiben kann, wenn sich nicht seine Schulen deutlich verändern.

Schule wird also zur Zeit von allen unter die Lupe genommen, selbst von Boston aus, in dem eine Kommission unter Mithilfe des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin diagnostiziert hat, dass die deutschen Mittelstufen- und Oberstufenschüler in Mathematik und in den Naturwissenschaften unter vergleichbaren Staaten nur noch unteres Mittelmaß sind.

Neuerdings gibt es sogar Schüler, die wie die in Hamburg auf die Straße gehen und fordern: „Wir wollen mehr lernen“, nachdem man bis vor kurzem noch dachte, Kinder und Jugendliche würden sich über jede ausgefallene Schulstunde nur freuen. Die Lehrer können dem Betrachter dieser bildungspolitischen Turbulenzen, die täglich neu von der Finanznot des Staates und seinen stringenten Sparmaßnahmen genährt werden, eigentlich nur leid tun. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, nämlich zwischen ihrer früheren Ausbildung für Kinder, die es heute gar nicht mehr gibt, ihrem eigenen Älterwerden („Vergreisung der Lehrerkollegien“) und ihrem Ausgebranntsein („Burnout-Syndrom“), ihrer unzeitgemäßen Arbeitsplatzgestaltung und den veralteten Lehrplänen, der Fülle von höchst unterschiedlichen Eltern-, Schüler- und Politikererwartungen nebst Arbeitszeit- und Frequenzerhöhungen sowie Kürzungen von Mitteln für Gebäude und Unterrichtsmaterialien.

Gerade die Geschichte der deutschen Pädagogik bietet eine Fülle von begnadeten Lehrern, von konzeptionellen und methodischen Highlights und von wunderbaren Erfolgen gegenüber einzelnen Schülerbiographien. Aber dennoch erinnert die aktuelle Lehrersituation gelegentlich an einen Schiffbrüchigen, der in tosender See auf einem Floß sitzt und mit Hilfe einer leeren Apfelsinenkiste um ihn herum schwimmenden Delfinen beizubringen versucht, wie ein Computer funktioniert.

Mit dem Wandel der bisherigen Industriegesellschaft zu einer Wissens-, Dienstleistungs-, Erlebnis-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft im nächsten Jahrhundert, mit der Globalisierung von Wirtschaftsräumen, von politischen Entscheidungen und von wissenschaftlichen Entwicklungen, vor allem aber mit der totalen weltweiten Medienvernetzung ist zu fragen, ob Schulen und Lehrer noch beweglich genug sind, ob eine planwirtschaftlich gesteuerte, staatlich verwaltete und zentral organisierte Schule mit anhand von Prüfungsordnungen ausgebildeten Lehrern und mit ideologischen Akzentuierungen begünstigenden Strukturen, in denen Eltern nur begrenzt mitentscheiden dürfen und in denen Schüler mehr belehrt werden, als selbst lernen zu können, in denen Lehrer mehr verbeamtete Stundengeber als mit jungen Menschen zusammenlebende Lernberater sind, noch für eine Zukunft taugt, auf die hin aufgeklärte Menschen uns rüsten wollen.

Muss Schule nicht ein moderner „Dienstleistungsbereich für pädagogische Arbeit“ werden, wie der Bielefelder Bildungsforscher Klaus Hurrelmann verlangt? Muss sie ihre herkömmliche weisungsorientierte Verwaltungshierarchie, die den jeweiligen Machthabern im Rahmen von „Kulturhoheit“ Zugriff, Kontrolle und auch die Freiheiten einer persönlichen Spielwiese garantiert, nicht ablösen durch autonomere Gestaltungsmechanismen, die eine lebendige Organisation und ein für Lernen produktives Schulleben erlauben?

Das Schulwesen in Deutschland ist eine gigantische Unternehmung; von den rund 80 Millionen Einwohnern besuchen etwa zehn Millionen als Schüler allgemeinbildende Schulen, in denen sie von ungefähr 650 000 Lehrern in eigens dazu gebauten Schulen unterrichtet werden. Das kostet sehr viel Geld, und entsprechend umfangreich ist die Literatur, die sich mit Schule befasst. Im Grunde ist alles, was es in der Pädagogik zu sagen gibt, schon gesagt worden. Sinnvoll sind weitere Bücher zu pädagogischen Fragen nur, wenn darin neue Sichtweisen alter Fragestellungen zu anderen Antworten als den schon bekannten führen.

Wir Deutschen sind ängstlicher als andere Völker, wenn es um Neuerungen geht; ein Gespräch über die Schulpflicht oder über Sinn und Unsinn der Ziffernzensuren macht sofort Angst und führt zu Feindseligkeiten. In Gesprächen mit Pädagogen aus unseren Nachbarstaaten Niederlande und Dänemark ist immer wieder zu hören, wie wir - aus deren Sicht - eine eigenartig sinnlose Neigung haben, auch die Schule und was mit ihr zusammenhängt, „in den Griff“ zu bekommen; und sie fügen hinzu, dass Schulen nichts seien, was man „in den Griff“ bekommen könne.

Nur wer allwöchentlich einmal am Schulsorgentelefon sitzt, hat eine Vorstellung davon, wie unterschiedlich Schulen in Deutschland sind, und zwar weniger in Bezug auf gut und schlecht, sondern vielmehr in bezug auf anders. Da wird zwar oft gesagt, es gäbe ein Süd-Nord-Leistungsgefälle, verschwiegen wird jedoch in der Regel, dass Schüler und Eltern in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg durchweg einen erheblichen größeren Leidensdruck auszuhalten haben als Schüler in Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen. In Süddeutschland wird zwar mehr Wissen vermittelt, aber in Norddeutschland ist die Schulzufriedenheit etwas größer und das soziale Lernen spielt eine bedeutsamere Rolle.

Das Grundgesetz garantiert den 16 Bundesländern mit dem Begriff Kulturhoheit, dass sie in Sachen Schule jeweils ihre eigenen Vorstellungen umsetzen können. 16 Bundesländer haben daher 16 verschiedene Schulsysteme. Positiv ist daran, dass sie regionale Antworten auf nachbarschaftliche Besonderheiten berücksichtigen dürfen, so dass Französisch als Erste Fremdsprache im Saarland und in Rheinland-Pfalz eine größere Bedeutung hat als Englisch, dass Dänisch und Friesisch in Schleswig-Holstein, Niederdeutsch und Romanes (die Sprache der deutschen Sinti und Roma) in Hamburg und Sorbisch in Sachsen angeboten werden, dass sich Brandenburg, das ja um Berlin herum liegt, ebenso wie die Hauptstadt für die sechsjährige Grundschule entschieden hat und dass Thüringen und Sachsen so, wie es in der DDR war, das Abitur nach Klasse 12 bescheinigen. Negativ ist aber, dass die Kulturhoheit auch der parteipolitischen Ideologisierung Tür und Tor öffnet, dass Schulsystemgestaltung zur Waffe gegen jeweils andere Regierungskonstellationen herhalten muss und gelegentlich auch zur Spielwiese für Kultusminister und Schulsenatoren verkommen ist.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) unterliegt jedoch einem gewissen Einigungszwang, wenn es um die Anerkennung von Abschlüssen, um den Umzug von Familien innerhalb Deutschlands, um Kernfächer bis zum Abitur und um Mindeststundenzahlen für diese Kernfächer auf dem Weg in die Hochschulen geht, ganz zu schweigen von einem durch die Europäische Union ausgeübten Umsetzungsdruck, wenn es beispielsweise um die Erweiterung des Fremdsprachenunterrichts geht. So ist 1998 in Brüssel beschlossen worden, künftig mit der Ersten Fremdsprache zumindest in der 1. Klasse zu beginnen.

Die Kultusministerkonferenz kompensiert also das Fehlen eines Bundesschulministers, sie übt seine koordinierende Funktion aus, und das konnte sie leichter, als nur elf Bundesländer zu ihr gehörten. Mit 16 Bundesländern musste sie zwangsläufig immobiler werden, so dass sie von einigen Zeitgenossen geradezu als Bremsklotz für die Modernisierung des deutschen Schulwesens empfunden wird. Es kommt noch folgendes hinzu: Bürokratie und Innovation sind zwei gegenläufig wirkende Prinzipien; die staatliche Verwaltung von Schulen bremst ihre zeitgemäße Anpassung, denn Verwaltung impliziert Abstimmungsprozesse, die Langsamkeit zum Wesensmerkmal geraten lassen.

Kein Wunder ist also, dass im April 1997 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sagen konnte: „Die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz; im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.“ Und als die Kultusministerkonferenz im Februar 1998 ihren 50. Geburtstag feierte, kamen von der ganz anderen Seite ebenfalls hämische Glückwünsche. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schickte eine Grußadresse mit folgendem Text: „Wir gratulieren im Namen von 50 000 Straßenkindern, 250 000 Sitzenbleibern, 76 000 Jugendlichen ohne Schulabschluß und 523 000 arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren.“

Dennoch gilt: Das 20. Jahrhundert war das bislang erfolgreichste in Sachen Schulreformen, Lehrerpersönlichkeiten und Schulversuchen. Die beiden Motoren Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts und 68-er Bewegung haben für eine starke Grundschule, für Gesamtschulangebote, für Schullandheime, für eine akademische Lehrerbildung, für eine deutlich aufgebesserte Lehrerbesoldung, für Fächer wie Sport, Musik, Kunst, Biologie, Physik, Chemie, Informatik und Politik bzw. Gemeinschaftskunde, für Werkräume, Küchen und naturwissenschaftliche Experimentierräume, für Gesamt-, Epochen- und Projektunterricht, für Offenen Unterricht und die Integration von Behinderten, für Betriebspraktika und für eine Erweiterung des alternativen Schulangebots mit Landerziehungsheimen, Waldorfschulen, Freien Schulen, Montessorischulen, Produktionsschulen, Schulen mit doppelqualifizierendem Bildungsgang und vielem anderen mehr gesorgt.

Etliches, was personen- oder zeitabhängig erfolgreich war, ist wieder verschwunden (z.B. der Gesamtunterricht), anderes ist rückläufig, und wieder anderes lebt aktuell erneut auf wie die Einrichtung von „Jahrgangsübergreifenden Klassen“ nach dem Vorbild von Peter Petersens Jenaplanschulen. Insgesamt muss am Ende dieses Jahrhunderts resümiert werden: Schule zeigt über alle Zeiten hinweg eine starke Tendenz zurück in Richtung Buch-, Tafel- und Belehrungsschule, in der Fächer in Stundentakten unterrichtet werden und in denen Schüler vor allem zuhörend oder sich langweilend sitzen, in denen Wissen überwiegend verbal nach dem Vorbild des „Nürnberger Trichters“ vermittelt, später wieder abgefragt und dann per Noten bewertet wird. Und Lehrer, die, wenn der Schulrat kommt, ausgesprochen kreativ und engagiert zu sein vermögen, die durchaus zu einem methodischen Feuerwerk voller Handlungsorientierung und Spannung fähig sind, neigen in großer Zahl zumindest nach Jahren ihrer Berufstätigkeit immer wieder zur Routine, zur Minimalisierung von Aufwand und Lerninvestition. Erfolgreiche Reformen sind eben immer personengebunden und zeitlich begrenzt erfolgreich, sie lassen sich nicht ohne weiteres auf sämtliche Lehrer und auf Jahrzehnte übertragen, wenn es an Kraft, Lust und auch an Geld fehlt.

So ist für die gesamte Schulgeschichte typisch, dass es in relativ kurzen Abständen immer wieder eines Ruckes oder eines Trittes bedarf, damit es so etwas wie einen Innovations- oder auch nur einen Engagementschub gibt. Nach Kriegen und in Armutsphasen und in gebeutelten Regionen und Nachbarschaften lässt sich so etwas beobachten. Leider muss stets erst die Not besonders groß werden, wie der Schweizer Zukunftsforscher Gottlieb Guntern feststellt, damit sich flächendeckend einiges in Schulen vorübergehend verbessert, damit schon jetzt vor Ort bewährte moderne Unterrichtsweisen „serienreif“ werden, wie Dieter Wunder sagt, also auf eine größere Anzahl von Schulen und Lehrern übertragbar werden.

Im Moment scheint wieder so ein notvoller Zeitpunkt erreicht zu sein:

  • Unsere Schulen gelten als unzeitgemäß, Reformen sind dringend erforderlich, aber viele Lehrer sind reformmüde.
  • Schulgebäude, massenhaft in den 50er und 60er Jahren gebaut, sind oft marode, sie zeigen das, was die Verwaltungsbeamten einen „Renovierungsstau“ nennen.
  • Lehrer sind im Schnitt so alt wie schon lange nicht mehr, sie sind ausgebrannt und durch schwierige Kinder überfordert. Nach Auskunft des bayerischen Schulpsychologen Hermann Meidinger sind 80 Prozent aller Pädagogen heute vom „Burn-out-Syndrom“ (Stress, Verunsicherung, Schweißausbrüche, Zittern, Schlaflosikgkeit, Ängste) betroffen. Sie haben kaum Selbstvertrauen, sind überempfindlich und glauben, von den Schülern für „böse“ gehalten zu werden.
  • Bei vielen Schülern ist der familiäre Versorgungs- und Erziehungsanteil zusammengebrochen, sie werden als verhaltensgestört, lernschwierig, gewalttätig, süchtig oder krank beschrieben.
  • Dem Staat mangelt es an Geld für Lehrerstellen, sinnvolle Lerngruppengrößen, Schulbau sowie Lehr- und Lernmittelausstattung.
  • Die Abnehmer von Schule, also die Betriebe und Hochschulen, klagen über unzureichende Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen Menschen, so dass einige Universitätsrektoren bereits eine Aufnahmeprüfung als „Abitur plus“ verlangen.
  • Politiker sehen den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb gefährdet.
  • Eltern schimpfen auf Kultusminister, Schulen und Lehrer, weil sie meinen, ihre Kinder würden zu wenig oder das Falsche lernen und würden in ihren Besonderheiten nicht genügend gefördert oder ungerecht beurteilt. Einige wollen inzwischen sogar vor Gericht einklagen, dass ihnen Steuergeld wegen entgangenen Unterrichts zurückgezahlt wird.
  • Schüler schimpfen über unengagierte Lehrer, über veraltete Schulbücher und über langweiligen, weltfremden Unterricht und neuerdings auch mit dem Slogan „Wir wollen mehr lernen“ über Unterrichtsausfall.
  • Immer mehr Lehrer klagen über Angriffe von Schülern, aber auch über Intrigen von Kollegen. Mittlerweile gibt es sogar schon eine „Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing (BLM)“.
  • Zugleich klagen immer häufiger Schüler über „pöbelnde Pauker“, von denen sie beleidigt oder niedergemacht, ausgegrenzt oder diskriminiert werden.
  • Unterrichtsausfall ist zu einer der bedeutendsten Dimensionen von Schule geworden. Die Eltern könnten gar nicht so schnell mitrechnen, wie der Mangel verwaltet wird, beklagt eine Hamburger Mutter; und eine Elternvertretung des Hamburger Gymnasiums Lerchenfeld erhält in der Schulbehörde die Antwort: „Der Lehrerbedarf orientiert sich an der Haushaltslage“, also nicht an den Schülerzahlen.
  • Sparen ist zur wichtigsten Gestaltungsdimension des aktuellen deutschen Schulwesens geworden. Natürlich hätten die Kultusminister gern mehr Geld für Lehrerstellen, für kleinere Klassen, für Schulbau, Sachmittel und Computerausstattung, aber sie bekommen es nicht von ihren Kabinetten und Parlamenten, auch weil der Bürger als Wähler so etwas nicht massiv fordert. Bei Umfragen vor Wahlen rangieren die Themen Schule und Jugend stets nur auf abgeschlagenen Plätzen hinter Sicherheit, Wohnen, Straßenverkehr, Arbeit und Kriminalität, obwohl gleichzeitig eine Umfrage der Elternvertreter Hamburger Schulen im Jahre 1998 ergeben hat, dass 85 Prozent der Hamburger Bürger der Meinung sind, dass im Bildungsbereich auf keinen Fall gespart werden dürfe. Nach Einschätzung des Bundesbildungsministeriums wird die Schülerzahl in Deutschland in den nächsten Jahren um etwa eine Million zunehmen. Aber vielleicht ist die Not ja noch nicht groß genug, damit endlich etwas passiert!
  • Die Schülerzahlen steigen bundesweit (1998 gab es 175 000 Schüler mehr als 1997) aber zugleich werden Lehrerplanstellen gestrichen; die GEW hat ein Defizit von 45.000 Planstellen berechnet; 1998 sind aber nur 15.500 neue Lehrer eingestellt worden, während gleichzeitig 40.000 Junglehrer arbeitslos blieben.
An allen Enden von Schule zugleich müsste nämlich etwas geschehen:
  • Schüler brauchen heute ganz anderes Gestühl (beweglich, verstellbar, sechs verschiedene Stuhlgrößen), da beispielsweise 14jährige in ihrer Körperlänge innerhalb einer durchschnittlichen Klasse um bis zu 60 cm differieren.
  • Wir brauchen eine völlig andere Lehrerbildung, damit auch andere Menschen mit anderen Kompetenzen in den Lehrerberuf kommen.
  • Wir brauchen den Umbau der Schulen von Belehrungsanstalten zu Lernwerkstätten, damit Kinder mehr lernen.
  • Wir brauchen den Wandel des Lehrers vom Stundengeber zum Lernberater.
  • Schüler müssen leistungsfähiger werden, aber auch anderes leisten können als bisher; sie müssen selbständig, teamfähig, konfliktfähig, erkundungskompetent, handlungsfähig und kreativ werden und vernetzt, also in Zusammenhängen denken können.
  • Lehrer sollten als Lernberater etwas von Erziehung, Bewegung, Spiel, Gewalt- und Suchtprävention, von Hirnforschung und Lernpsycholgie sowie von Teilleistungsstörungen verstehen, sie müssen integrieren und individuell kompensieren können.
  • Schulen brauchen eine andere Fehlerkultur, denn Kinder lernen am besten, wenn sie beim Lernen Fehler machen dürfen, wenn sie zu zweit ein Problem zu lösen haben, wenn sie anderen etwas erklären dürfen und wenn sie beim Handeln lernen können.
  • Grundschulen brauchen mehr männliche Lehrer, Klassen brauchen zwei Klassenlehrer und zwei Räume.
  • Lehrer müssen durch Computer, Internet und über eine geeignete Lernsoftware freigesetzt werden für sozialpädagogische Zuwendung und für Elternarbeit.
  • Eltern und Schüler sollten an der Schulgestaltung beteiligt werden, sie müssen in autonomeren Schulen mehr Mitsprache haben.
  • Schulen brauchen mehr Lehrer, Schulassistenten, Sozialpädagogen, Familienhelfer, Präventionslehrer, Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Beratungslehrer, Lehrbeauftragte und ABM-Kräfte.
  • Fächer müssen zu Lernbereichen gebündelt werden; 45-Minuten-Takte sollten durch flexible Lern- und Entspannungsphasen abgelöst werden; Klassenlehrer sind ergiebiger als Fachlehrer.
  • Das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist nicht mehr zeitgemäß, es muss im Kern durch ein zweigliedriges, das entweder früher in die Berufsausbildung mündet (Sekundarschule) oder später zur Hochschulreife führt (Gymnasium) abgelöst werden und zugleich durch ein vielgliedrig profiliertes System ersetzt werden, weil zur Vielfalt unserer pluralistischen demokratischen Gesellschaft eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen, aber gleichwertigen Bildungsgängen passt. Dazu gehören beispielsweise Musikschulen, Sportgymnasien, Technische Gymnasien, Computerschulen, altsprachliche, neusprachliche, naturwissenschaftliche, doppelqualifizierende und internationale Schulen, Schulen mit erweitertem Fremdsprachenunterricht (Z- oder E-Klassen), mit Expreß-Abi-Klassen (Berlin) oder D-Zug-Klassen (Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg), mit Montessori-, Freinet- oder Waldorfpädagogik, Konfessionsschulen, Produktionsschulen und Schulen mit einer Profil-Oberstufe.

Deutschland und Europa unterliegen zur Zeit einem raschen Strukturwandel. Viele Unternehmen melden sich schon mit der Aussage zu Wort, dass sie trotz hoher Arbeitslosigkeit und auch Jugendarbeitslosigkeit nicht mehr in der Lage sind, ihre offenen Stellen zu besetzen, weil die Menschen von der Schule her nicht die erforderlichen Qualifikationen mitbringen, und dabei werden vor allem Defizite in bezug auf die Fähigkeit zur selbständigen Informationsbeschaffung, auf Kreativität, Konfliktfähigkeit sowie auf die Fähigkeit zum vernetzenden Denken beklagt.

Wir müssen mit einer zeitgemäßen Schule den Seiltanz hinbekommen, den Schülern ein Fundamentum an Grundwissen zur Verfügung zu stellen und in ihnen darüber hinaus die Kompetenz zu entwicklen, sich jeweils nötige Informationen selbst in Kürze zu beschaffen; sie sollten zwar noch wissen, wie die Hauptstädte von Italien und Ägypten heißen, aber wie die Hauptstädte von Sierra Leone oder Burkina Faso heißen, müssen sie nicht mehr unbedingt in der Schule lernen, denn dieses Wissen benötigen sie null bis einmal in ihrem gesamten Leben, und dafür reicht die Fähigkeit, das in Sekundenschnelle zu ermitteln, wenn es erforderlich wird.

Schule hat die Aufgabe, die Welt im Kopf und im Herzen des Kindes zu ordnen und das Kind für die Welt lebenstüchtig zu machen. Und wenn das so ist, dann muss sie dem Kind in der heutigen und künftigen Welt Reden, Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachenkompetenzen und einige naturwissenschaftliche, historische und geographische Kenntnisse beibringen. Darüber hinaus muss sie das Kind politisch bilden, es sozialfähig machen und in ihm Medienkompetenz aufbauen, weil die Fähigkeit, sich kundig in der Arbeitswelt orientieren und kritisch in der Medienwelt behaupten zu können, mittlerweile bedeutsamer geworden ist, als Redoxgleichungen zu beherrschen und die linken und rechten Nebenflüsse der Donau hersagen zu können. „Je virtueller die Welt wird, desto mehr Werturteile müssen gefällt werden“, sagt Rüttgers dazu.

In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 360 Berufsbilder, aber 50 Prozent aller Schulabgänger drängen in nur 15 Ausbildungsberufe, weil ihnen die anderen unbekannt sind. Allein im August 1998 sind elf neue Ausbildungsberufe entstanden, die fast kein Schüler kennt, so der Kaufmann für audiovisuelle Medien oder die Fachkraft für Veranstaltungstechnik. In den nächsten Jahren werden etwa 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze in den Berufsfeldern Multimedia, Umwelt, Biotechnik und wissensorientierte Dienstleistungen entstehen. Bereitet die Schule auf diesen Umbruch an der Jahrhundertwende, den manche als den Übergang von der bisherigen Industriegesellschaft zur künftigen Informations-, Dienstleistungs-, Erlebnis-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft bezeichnen, ausreichend vor? Immer weniger Menschen werden immer mehr produzieren. Wenn nicht wachsende Arbeitslosenzahlen die Folge sein sollen, müssen junge Menschen schon früh in die Lage versetzt werden, sich selbst eine Nische in der künftigen Gesellschaft bauen zu können, in der sie gebraucht werden, in der sie ihren Lebensunterhalt verdienen können und in der sie ihre Erfüllung finden.

Wir brauchen also eine ganz neue Vision von Schule und eine völlig neue Arbeitsplatzbeschreibung für Lehrer. Denn es ist ein Unding, dass deutsche Eltern zur Zeit 30 Millionen Mark pro Woche für Nachhilfeunterricht aufwenden, das sind im Schnitt 50 Mark pro Haushalt und fast zwei Milliarden Mark pro Jahr. Nachhilfelehrer leisten etwas, was die Lehrer an den Schulen nicht zustande gebracht haben, sie stehen also indirekt für das Versagen der deutschen Schule, wiewohl man gleichzeitig einschränkend zugeben muss, dass viele Jungen und Mädchen nur deshalb Nachhilfe bekommen, weil so etwas mittlerweile als schick gilt, weil es vor den Augen der Nachbarn und Verwandten auch kund tut, dass man bereit ist, in die Karriere seines Kindes zu investieren, denn so manch ein von seinen Eltern in seine Zukunft hinein verplanter Nachhilfeschüler bräuchte gar keinen Nachhilfeunterricht, jedenfalls nicht, wenn er in Mathe von einer „1“ auf eine „2“ abgesackt ist.

Aufsehen hat der New Yorker Pädagoge Lewis J. Perelman mit seinem Buch „School’s out“ erregt. Er behauptet schlichtweg, Schule wäre eine wichtige Institution in einer relativ kurzen Phase der Entwicklung der Menschheit gewesen, und nun sei ihre Zeit vorbei, weil Kinder entweder ohnehin außerhalb der Schule mehr lernen als in der Schule oder weil sie weder in der Schule noch außerhalb genügend lernen würden bzw. weil die negativen Einflüsse von misslicher Jugendkultszenerie in der Schule sowie von Bildschirmeinflüssen zusammen das herkömmliche schulische Lernen allzu stark beeinträchtigen würden.

Perelman schließt mit seinem Auswegsvorschlag irgendwie an Johann Heinrich Pestalozzis Ideal vom Lernen im Wohnzimmer an, wenn er sich für Tele-Lernen und Homeschooling einsetzt. So wie Pestalozzi mit seinem Buch „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ dafür plädiert, dass Mama in die Lage versetzt wird, ihren Kleinen zu Hause Lesen, Schreiben, Rechnen und Weben beizubringen, schlägt Perelman vor, dass die Schüler daheim am Computer lernen und dabei mit einem irgendwo anders sitzenden Lehrer verkabelt sind.

Und schon jetzt werden in den USA mehr als eine Million Kinder von ihren Eltern zu Hause unterrichtet. Diese Eltern misstrauen den Public Schools, haben aber auch nicht das Geld für die teuren Privatschulen; für sie ist in der Tat die Zeit von Schule irgendwie vorbei. Sie befürchten, dass ihr Kind Opfer von innerschulischer Gewalt werden könnte, sie trauen den Lehrern nicht zu, genügend Lernfortschritte bei ihren Kindern zustande zu bringen, und sie glauben, dass sie so etwas wie Werteerziehung selbst besser hinbekommen als Lehrer. 61 Prozent dieser Eltern sind mit den Lernleistungen der öffentlichen Schulen unzufrieden, und 39 Prozent unterrichten ihre Kinder lieber selbst, weil sie ihre Sprösslinge nicht den schulischen Gewalt-, Sex-, Drogenund Stressfaktoren aussetzen mögen.

Das Entziehen von der Schulpflicht ist in allen US-Staaten legal, wenn die Eltern nachweisen können, dass sie die Unterweisungen auch selbst zu leisten vermögen. Eine Studie hat ergeben, dass Homeschooling-Schüler im Lesen insgesamt besser waren als 79 Prozent der staatlichen Schüler und in Mathematik und Fremdsprachen als 73 Prozent der Public-School-Kids.

Mit der Zunahme des gesellschaftlichen Arbeitsteilungs- und Qualifizierungsbedarfs wurden einst die ersten Schulen gegründet. Sie entstanden für dasjenige, was Eltern nicht hinlänglich konnten, und das waren am unteren Ende Lesen, Schreiben und Rechnen und am oberen Ende Hebräisch, Altgriechisch, Latein, Astronomie, Arithmetik, Geometrie usw. Heute können die meisten Eltern Lesen, Schreiben und Rechnen, und viele verstehen auch genügend von Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geographie und Geschichte. Müsste Schule heute immer noch das tun, was Eltern nicht gut können, dann müsste sie vor allem erziehen.

In Wirklichkeit ist das Ende der Schule heute an vielen Enden ihrer herkömmlichen Funktionen erreicht:

  • Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland können trotz Schulbesuchs weder Lesen noch Schreiben.
  • Nach Auskunft der Mainzer Klinik für Kommunikationsstörungen ist bereits jedes vierte Kind im Vorschulalter sprachgestört, also in Bezug auf seine Sprachentwicklung weit hinter seinen Altersgenossen zurück.
  • Die weltweite Tims-Studie des Boston-Colleges bescheinigt den deutschen Schulen, dass sie bezogen auf Mathematik-Leistungen von Achtklässlern nur einen unteren Mittelplatz erreichen, die Zwölftklässler belegen in Höherer Mathematik sogar nur den drittletzten Platz. 15 bis 20 Prozent der deutschen Schüler gelten mittlerweile als rechenschwach, sechs Prozent als extrem rechenschwach. Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, ist vor allem auf Bewegungsmangel, auf Mangel an räumlichen Erfahrungen beim Spielen, auf den Mangel an Umgang mit verschiedenen Materialien und auf die fehlende Kompensation durch psychomotorische Übungen in Kindergärten und Schulen zurückzuführen. Dyskalkulie korrespondiert mit einer Schwäche, Links und Rechts unterscheiden zu können, und mit dem Phänomen, nicht gut rückwärts gehen zu können. Rechenschwache Kinder bleiben oft „zählende Rechner“, sie erkennen Mengen, Größen und logische Folgen nicht, haben keine konkrete Vorstellung von der Größe von Zahlen (100 oder 1000 sind einfach nur viel), und sie sind oft wahrnehmungsgestört. Weil sie Entfernungen und Geschwindigkeiten nicht richtig einschätzen können, verunfallen sie leichter als andere.
  • So wie Schule heute durchweg noch ist, baut sie auf die erzieherische Grundversorgung des Kindes in der Familie. Nur die ist bei immer mehr Kindern nicht mehr gegeben. Hungernde Kinder lernen schlecht, Ernährung hat also etwas mit Erziehung und Lernen zu tun. Immer mehr Lehrer haben diesen Zusammenhang erkannt, und sie beginnen daher den Unterrichtstag mit einem „Schulfrühstück“ und beenden oder unterbrechen ihn mit einem „Pädagogischen Mittagstisch“.
  • Etwa 20 Prozent der deutschen Schüler gelten als hyperaktiv bzw. als vom „hyperkinetischen Syndrom“ betroffen. Sie können sich im Unterricht nicht mehr gut konzentrieren, sie stören ihre Lehrer und Mitschüler als „Zappelphilippe“, und am Ende fallen sie durch schlechte Noten, zumindest aber mit erheblichen Teilleistungsschwächen auf, wenn sie nicht mit dem Medikament Ritalin ruhiggestellt oder mit Verhaltenstherapien verändert werden.
  • Mit der Zunahme des Phänomens veränderte Kinder, mit dem Schwinden der häuslichen Erziehungskompetenz und der leiblichen Grundversorgung gegenüber immer mehr Kindern vergrößern sich die Verhaltensund Leistungsbandbreiten schon in der Grundschule. Es kommen immer mehr erzieherisch vernachlässigte und immer mehr häuslich gut und früh geförderte Schüler zugleich in die 1. Klassen, so dass die Lehrer mit herkömmlichen Unterrichtsmethoden nur noch den Kindern in der Leistungsmitte einer Klasse einigermaßen gerecht werden können. In dem Maße, wie immer Schüler überfordert und gleichzeitig immer mehr Schüler unterfordert werden, ist die bisherige Grundschule mit frontalen und lehrerzentrierten Vorgehensweisen in der Tat am Ende, auch weil sie den Lehrer hoffnungslos überfordert. Nur mit der Wandlung der Grundschule zur Lernwerkstatt mit Offenem Unterricht, mit Partnerarbeit und Computern, mit Wochenplanarbeit und mit vielen individualisierenden Materialien (Arbeitsblätter, Lexika, Karteikartensysteme, Druckerei), mit der Wandlung des Lehrers vom Stundengeber zum Lernberater in flexiblen Lernphasen statt der bisherigen 45-Minuten-Takte, nur mit einer anderen Fehlerkultur und mit Notenfreiheit, mit gezielt gestalteten Lern-, Entlastungs-, Spiel-, Bewegungs- und Ernährungsphasen nebst musischen Phasen, mit „Jahrgangsübergreifenden Klassen“ (wie an der Peter-Petersen-Schule in Köln, die immer zwei Jahrgänge in einen Raum setzt, so dass jeder Schüler im Wechsel mal zu den jüngeren, mal zu den älteren gehört) und mit dem in Schleswig-Holstein angedachten Prinzip „Einschulung ohne Auslese“ (alle Sechsjährigen werden ohne Schulreifetest eingeschult, ganz egal, wie weit sie in ihrer Entwicklung sind), kann sie wieder einigermaßen funktionabel werden. Wir müssen wirklich darüber nachdenken, ob es noch einen Sinn gibt, Schüler ausgerechnet nach Geburtsjahrgängen zum Lernen zusammenzuschließen, denn nirgendwo sonst wirkt das Leben so, sehen wir einmal von Getreidefeldern ab, in denen jede Pflanze genauso alt ist wie die nächste.
  • Hochbegabte Kinder versagen oft in der Schule. Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage wie ein Widerspruch in sich. Aber Kinder, die alles am Schulanfang schon können, was der Lehrer von ihnen verlangt, langweilen sich oft, so dass sie zunächst schwierig werden, dann stören, dann lästig werden und schließlich, wenn sie von den Mitschülern in den nichtintelligenzabhängigen Anforderungen (Ordnungsverhalten, sauber schreiben, Hefte mitbringen, Unterschriften vorlegen, Ergebnisse unterstreichen) überholt werden, in Form schlechter Berichts- oder Notenzeugnisse versagen. Weil die Kräfte der Lehrer zu stark von den schwachen und durchschnittlichen Schülern gebunden werden, vernachlässigen sie die früh- und hochbegabten bzw. die schon intensiv von zu Hause her geförderten, und wenn die dann schließlich mit Verhaltensstörungen stören, versuchen Lehrer nicht selten, sich dieser Schüler zu entledigen. Mittlerweile ist dieses Problem in den meisten Bundesländern erkannt worden, so dass beispielsweise die Hamburger Schulbehörde eine „Beratungsstelle für besondere Begabungen“ eingerichtet hat, die solchen Kindern und ihren Eltern hilft. Franz J. Mönks von der Universität Nijmwegen schätzt, dass zehn bis 15 Prozent eines Schülerjahrgangs „Spitzen- und Hochbegabte“ sind (Hochbegabte werden mit einem IQ ab 130 definiert). Das bedeutet, dass in Deutschland pro Jahr etwa 70 000 bis 80 000 solcher Kinder eingeschult werden, für die die herkömmliche Schule eigentlich nicht mehr taugt. In Berlin hat man für sie „Expreß-Abi-Klassen“ zum Abitur nach Klasse 12 eingerichtet, die in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz „D-Zug-Klassen“ heißen und eine Aufnahmeprüfung nach Klasse 4 oder 6 voraussetzen. Aber immer mehr Eltern wollen für ihren hochbegabten Nachwuchs keine staatlichen Antworten mehr; sie lassen ihn durch eine der Außenstellen des Nachhilfeunternehmens „Studienkreis“ fördern oder samstags in speziellen Kursen für hochbegabte Schüler an Universitäten (z.B. in Hamburg), oder sie melden ihr Kind zu einer der drei „Jugenddorf-Christophorusschulen“ für Hochbegabte des Christlichen Jugenddorfwerkes (CDJ) in Braunschweig, Rostock und Königswinter, wenn sie nicht gar ganz auf Eliteinternate und -schulen in Großbritannien, in der Schweiz und in den USA ausweichen. Die Zahl der deutschen Privatschüler, die Schulen in Großbritannien besuchen, hat sich jedenfalls in den letzten Jahren versiebenfacht.
  • Es gibt immer Schüler, die mehr lernen wollen oder anderes lernen wollen, als die Schule ihnen bietet. So gingen in Hamburg jüngst viele Schüler auf die Straße, um gegen Unterrichtsausfall zu protestieren, so wählen junge Menschen Privatschulen, an denen sie auch Japanisch, Chinesisch oder Betriebswirtschaft lernen können, und so klagte ein Schüler in Berlin dagegen, dass er in der Oberstufe zwangsweise mit Chemie beschult wurde, weil er meinte, die Schule würde ihm so viel wichtige Lernzeit rauben, die er lieber für dasjenige einsetzen würde, was er eigentlich lernen möchte. Als Folge unserer meinungs- und wertepluralistischen Gesellschaft sind Elternerwartungen und Schülerwünsche eben vielgestaltiger als in einem totalitären System, und nur mit einer höchst bunten Schullandschaft und einer Fülle von Schulprogrammen bzw. Schulprofilen nebeneinander vermag der Staat allen Schülerpersönlichkeiten Rechnung zu tragen. Warum soll es also nicht Ski-, Schwimm-, Tennis- und Fußballgymnasien und Legasthenikerinternate geben, die auch zum Abitur führen?
  • Auch wenn die Schule noch nicht am Ende sein sollte, muss sie offensichtlich eine ganz andere werden. Dieses Anderssein darf aber nicht in nur eine Richtung gehen, also beispielsweise nicht nur in Richtung „Schulen ans Netz“. Das Althergebrachte muss ebenso weiter angeboten werden, weil es genügend Schüler und Eltern gibt, die eine altsprachliche bzw. eine humanistische Bildung wünschen oder eine Schule, die bewusst nicht mehr erzieht als bisher, weil es mit der Erziehung im Elternhaus noch gut klappt und weil der Artikel 6 des Grundgesetzes den Eltern das Erziehungsrecht zugesteht. So lernt noch jeder 15. Schüler in Hamburg Latein, und es gibt noch etwa 520 Schüler in der Hansestadt, die Altgriechisch als Fach haben wollen. Aber für diejenigen Kinder, die zu Hause keine stimmige Erziehung haben, muss Schule mehr Erziehungsanteile als bisher übernehmen, weil es sonst mit dem Lernen nicht mehr richtig klappt und weil die Schule im Moment die einzige gesellschaftliche Institution ist, die noch sämtliche Kinder bewusst erzieherisch zu erreichen vermag, was mehr als die Hälfte der deutschen Familien nicht mehr schafft. Wir brauchen also in Zukunft bildende und erziehende Schulen einerseits (das könnten die Gymnasien sein) und erziehende und bildende Schulen andererseits (die könnten Sekundarschulen heißen). Beide führen zum Sekundarabschluß I und zum Abitur, die eine Gruppe vertraut dabei aber mehr auf die herkömmliche Arbeitsteilung, mit der die Familie erzieht und die Schule bildet, während die andere Gruppe Bildung in einen starken erzieherischen Rahmen einbettet, damit auch Kinder aus erzieherisch nicht so kompetenten Familien genügend lernen und ausreichend leistungsfähig für die gewandelten gesellschaftlichen Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts werden.

Zwar hat es noch nie Konsens über das gegeben, was Schule zu leisten hat, aber noch nie scheint der Konsens so gering zu sein wie heute. Zwar gibt es einen Konsens in bezug auf Lesen, Schreiben, Rechnen und Fremdsprachenunterricht an sich, aber schon wenn es um den Unterrichtsumfang dafür und um die Methode geht, gibt es Streit: Sollen die Grundlagen dieser Kulturtechniken mit Fehlermachendürfen und notenfrei gelegt werden oder mit Zensuren? Ist Lesenlernen durch Schreiben besser oder das Umgekehrte? Ist die synthetisch-analytische Methode besser oder die Ganzwort- oder Ganzsatzmethode? Welchen Stellenwert soll die Mengenlehre haben? Ist Überschlagen oder Schätzenkönnen wichtiger, als die zweite Stelle hinter dem Komma, die einem ja heutzutage ohnehin der Taschenrechner liefert, direkt berechnen zu können? Soll der Mathematikunterricht bis zum Sinussatz vordringen oder nicht? In welchem Alter soll der Fremdsprachenunterricht beginnen? Vielleicht wächst mit dem Zusammenwachsen Europas demnächst der Konsensgrad in bezug auf Schulgestaltung, sicher ist das aber nicht. Vielleicht wird die regionale Schulautonomie gleichzeitig mit der europäisch-zentralen in Brüssel gestärkt, so dass wir eine deutschlandweite Schulinstanz in Berlin nicht benötigen.

Immerhin besteht ein gewisser Konsens darin, dass wir in Deutschland keine japanischen Schulverhältnisse haben wollen, in denen die alte Schule einfach bloß mit dem Lerngerät Computer fortgeschrieben wird, statt mit ihm eine ganz andere Schule voller Bewegung, Kreativität und Konfliktfähigkeit zu begünstigen. In Japan beginnt man schon mit 15monatigen Kindern mit dem Lesen; und sobald die Kinder greifen können, beginnt der Mathematikunterricht. In 200 der 18 000 Kumon-Schulen werden 40 600 Babys in Rechnen, Japanisch und Englisch unterrichtet, in 16 Tokioter Vorschulen werden Einbis Sechsjährige akademisch, künstlerisch und sportlich gedrillt, gesponsort von einem Windelhersteller. Der Leistungs- und Karrieredruck ist im japanischen Schulwesen mörderisch, er korrespondiert mit einem enormen Ehrgeiz der Eltern. Nur eines von 20 Kindern besteht die Aufnahmeprüfungen der 50 renommiertesten Privatschulen des Landes, und die Schülersuizidrate ist gemeinsam mit denen von Singapur und Südkorea weltweit Spitze. Welche Schäden ein so aufgepeppeltes Schulwesen mit ganz altem Denken schon bei Siebenjährigen anrichtet, gibt eine Grundschullehrerin aus Tokio so wieder: „Die Mütter lassen ihre Kinder Englisch büffeln und Klavier spielen, doch sie ziehen sie an, binden ihnen die Schuhe zu, schälen ihnen das Obst und schieben ihnen den Suppenlöffel in den Mund; aber in der Turnstunde stürzen die meisten der Kinder, weil sie das Rennen und das Fallen nie gelernt haben. Die Kinder melden sich nie, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen, und wenn sie dann nach einer Aufforderung etwas Falsches gesagt haben, weinen sie sofort.“ Kreativität und Konfliktfähigkeit fehlt nämlich den meisten japanischen Kindern; vor lauter Angst vor Fehlermachen haben sie beides nie entwickeln können. Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Carl Hanser Verlag, München, ist sein Buch „Vom Pauker zum Coach“ erschienen.

Peter Struck: "Taugt die Schule des 20. Jahrhunderts noch für das 21. Jahrhundert?" Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Carl Hanser Verlag, München, ist sein Buch „Vom Pauker zum Coach“ erschienen.

 

erschienen in Bildungsbroschüre der SPD in Brandenburg Juni 2001