| Kinder und Jugendliche mit Behinderungen (z.B. Hörschädigungen), die nicht überwiegend in ihrer Familie aufwachsen können und dazu noch in Schule und Familie mit unterschiedlichen Werte- und Kommunikationssystemen konfrontiert sind, haben grundsätzlich erschwerte Bedingungen zur Entwicklung einer stabilen psychischen Identität. Aufgrund ihrer Behinderungen benötigen jedoch oftmals gerade diese Kinder emotionale, sichere Bindungen und Beziehungen, wie auch eine individuelle Form der schulischen Förderung, über den sonst bei nicht behinderten Kindern üblichen Zeitraum deutlich hinaus. Besonders die sicheren emotionalen Bindungen sind für sie von existenzieller und überlebenswichtiger Bedeutung, denn nicht allein pädagogische Maßnahmen sind entscheidend für einen positiven Verlauf der Rehabilitation, sondern besonders das psychische Moment.
Durch eine getrennte Schul- und Familiensituation und eines damit möglichen verbundenen emotionalen Bruchs, besteht die Gefahr einer örtlichen und zeitlichen Verinselung ihrer dringend benötigten sozialen Bezugspersonen, Eltern und ggf. Geschwisterkinder, die dann als Identifikationspersonen temporär nicht ausreichend zur Verfügung stehen. In der Folge können mit ihnen nicht genügend Erfahrungen gemacht werden, die für die Entwicklung ihrer Identität jedoch enorm wichtig sind. Die sehr häufig zu beobachtenden Folgeerscheinungen aufgrund der psychischen Belastungen, äußern sich z.B. in Bettnässerei, Vereinsamung, Depressionen, Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Oftmals zeigen diese Folgeerscheinungen dramatisch deutlich, wie die Lebensqualität und der seelische Zustand behinderter bzw. hörgeschädigter Kinder durch erhöhte Anonymität extrem beeinträchtigt werden kann. Zum Beispiel ist hinlänglich bekannt, dass Hörgeschädigte Kinder die einmal die Regelschule besucht haben und dort gescheitert sind, einen „Knacks“ fürs Leben erlitten haben. Hier muss also generell der Einzelfall betrachtet und daher für das Kindeswohl entschieden werden, wenn dabei durch eine Vermeidung von Aussonderungs- und Isolationserlebnissen in der Regelschule und einer Beschulung zu Hause, nicht nur bessere Schulergebnisse erreicht werden können. Fest steht, dass sicher gebundene Kinder im Vergleich zu anderen Kindern ein höheres Selbstwertgefühl, positivere (und mehr) Kindheitserinnerungen haben und selbst eine eher sichere Bindung im Alter entwickelt haben. Gerade bei hörgeschädigten Kindern, können die Eltern, die die Bedeutung ihrer Therapeutenrolle erkannt haben, im Rahmen der häuslichen Unterrichtung nun zu Hause jede Situation als Therapiesituation nutzen, um die Sprache und das Sprechen der Kinder positiv zu beeinflussen. Logopäden und Pädagogen, die dabei den sprachtherapeutischen Prozess hilfreich koordinieren bzw. förderlich begleiten, können niemals den sprachlichen Beitrag der Eltern ersetzen. Die Eins-zu-Eins Betreuung zu Hause hilft zudem Defizite rechtzeitig zu erkennen und auszugleichen, sowie die Stärken der Kinder und ihr Selbstwertgefühl behutsam zur Entfaltung zu bringen. Für behinderte Kinder ist es das Beste, in einer Umgebung zu lernen und zu leben, in der er sich geborgen und wohl fühlen, denn für eine erfolgreiche gemeinsame Erziehung und Beschulung sind die entscheidenden Komponenten, die Personen die das Vertrauen in die Fähigkeiten des behinderten Mädchens oder des behinderten Jungens und die Entwicklungspotentiale erkennen und vermitteln. Gerade die so oft thematisierte integrative Beschulung muss für das einzelne Kind nicht die beste Beschulungsform sein; ohnehin kommt sie nur bei den bestgeförderten Regelschülern in Frage. Hier sollte also die Form gewählt werden, die für das Kind das erkennbar Beste ist. Zu Hause wird oftmals der sichere Rahmen geboten, in dem die Kinder optimal und individuell schulisch gefördert werden können. Zudem hat das Erleben von Gemeinschaft mit gesunden Geschwistern, die dem behinderten Kind bekannt und vertraut sind und eine intensive und variationsreiche Plattform für lautsprachliche Entwicklung bieten, und auch vormittags sein Umfeld bestimmen, eine integrative und Gemeinschaftsfördernde Wirkung. Olaf Gerber, Januar 2005 Vater von fünf Kindern, darunter drei mit unterschiedlichen Hörbehinderungen |